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Hotel Gasthof Friedensreich

Ein Roman, den ich 2004 geschrieben habe.
Wenn zufälligerweise ein Verlag auf diesen Text aufmerkam wird und ihn drucken möchte, so bitte ich um eine kurze Nachricht. Der Roman ist bisher noch unveröffentlicht, einmal abgesehen von dieser Webseite und einer Veröffentlichung als Fortsetzungsroman in einem christlichen Gemeindebrief.

Texte



Hotel-Gasthof Friedensreich

- Ein christlicher Roman – 17 Kapitel

Autor: Eckart Haase



Die Akteure:

Direktorin: Carla Ludwig, 38, Hotelbesitzerin

Rezeptionschef: Siegmar Sponholz, 58

Hausdame: Franziska Schott, 54

Page: Peter Schmidt, 17, genannt “Pepe”

Hausmeister: Bodo Springer, 48

Ehemaliger Hotelbesitzer: Otto Graf von Berneck, 80



Kurzzusammenfassung:


In dem Hotel-Gasthof Friedensreich gehen ungewöhnliche Dinge vor sich. Zwielichtige Gäste aus Amerika rücken eines Tages an und interessieren sich ungewöhnlich stark für das Kellergewölbe. Stimmer die Gerüchte, die man sich im Dorf erzählt? Gibt es dort wirklich einen unterirdischen Geheimgang?

Der Roman erzählt auch von den Erlebnissen des gläubigen Christen Siegmar Sponholz und dem Hotelpagen Pepe Schmitt, die dem Geheimnis der Besucher auf die Spur kommen möchten.



Kapitel 1

Es war nicht der beste Tag für Carla Ludwig. Seit sie im vergangenen Jahr den Hotel-Gasthof Friedensreich übernommen hatte, hatte sie sich über zuviel Arbeit nicht beschweren können. Doch heute schien sie ihr fast über den Kopf zu wachsen.

Es waren nur noch zwei Tage bis die bisher größte Veranstaltung unter  ihrer Regie in dem Hotel stattfinden würde. Und die Probleme schienen zum Ende hin immer größer, statt kleiner zu werden. Warum hatte sie immer noch keine vollständige Anmeldungsliste? Schon gestern hatte sie Herrn Sponholz von der Rezeption in klaren Worten darum gebeten, ihr die Liste bis heute mittag in ihr Büro im ersten Stock zu bringen. Und nun waren es bereits zwei Stunden darüber. Wutentbrannt stürmte sie aus ihrem Büro und eilte die Treppe zur Empfangshalle hinunter. Noch ehe sie ganz unten angekommen war, rief sie bereits mit schriller Stimme in Richtung Rezeption:

“Herr Sponholz! Können Sie sich noch daran erinnern, was wir gestern besprochen hatten? Würden Sie mir bitte sagen, wann ich endlich die Anmeldungsliste für Sonntag bekomme?”

Siegmar Sponholz wartete noch einen Moment bis seine Chefin die Rezeption erreichte. Dann stand er auf und antwortete ihr in ruhigem Ton:

“Frau Ludwig, Nur keine Sorge. Der Bräutigam hat mir noch heute morgen telefonisch zugesagt, daß er mir die Zahl der Hochzeitsgäste im Laufe des Vormittages zufaxen würde. Sobald ich...”

Carla Ludwig fuhr ihm harsch ins Wort:

“Herr Sponholz! Ist 14:00 Uhr in Ihren Augen vielleicht noch vormittag? Glauben Sie eigentlich ich hätte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als mich um diese Hochzeit zu kümmern? Besorgen Sie endlich die Liste. In einer halben Stunde möchte ich sie in meinem Büro haben!”

“Jawohl, Frau Ludwig”, entgegnete ihr Herr Sponholz besänftigend, “ich kümmere mich sofort darum.”

“Das will ich auch hoffen!”, sagte Frau Ludwig, machte kehrt und eilte ebenso schnell wie sie gekommen war wieder die breiten Treppen hinauf.

Siegmar Sponholz war es gewohnt, dass seine Chefin hin und wieder zu mehr oder weniger starken Wutausbrüchen neigte. Es war vieles anders geworden im Friedensreich. Manchmal fragte er sich, ob der schöne Landgasthof diesen Namen überhaupt noch verdiente. Sicher, die idyllische Umgebung inmitten eines naturgeschützten Erholungsgebietes, zwei Minuten Fußweg bis zum Chiemsee und dann noch ein angrenzendes Waldstück machten den Hotel-Gasthof Friedensreich zu einem touristischen Anziehungspunkt mit bester Lage. Doch das waren reine Äusserlichkeiten. Innen ging es in den letzten zwölf Monaten immer seltener friedlich zu. Das waren noch Zeiten, als noch der alte Graf Berneck...

Ein lauter Pfiff riss ihn aus seinen Gedanken. Als er aufblickte verbesserte sich sein Gesichtsausdruck merklich.

“Ah, Pepe, Du bist es. Na, Bürschlein, hast Du nichts zu tun?”

Pepe und er verstanden sich. Pepe, eigentlich hieß er Peter Schmidt, war noch vom alten Graf Berneck eingestellt worden - als Auszubildender im Hotelfach. Die neue Besitzerin, Frau Ludwig, musste ihn notgedrungen übernehmen. Er war nun in seinem zweiten Lehrjahr und arbeitete mehr oder weniger ausschließlich als Hotelpage.

“Im Moment habe ich nichts zu tun, Herr Sponholz. Sagen Sie mal, was wollte denn die Ludwig gerade von Ihnen? Die hab’ ich ja bis in die Küche schreien gehört.”

“Pepe, für dich heisst das immer noch Frau Ludwig!”

“Ja, ist ja gut. Also was wollte denn die Frau Ludwig gerade von Ihnen?”

“Es geht dich zwar eigentlich nichts an, aber sie benötigt noch die Anmeldungsliste für Sonntag. Die will sie in einer halben Stunde in ihrem Büro haben.”

“Und deswegen muss die hier so rumbrüllen?”

“Nun ja, sie ist eben eine vielbeschäftigte Frau, die Frau Ludwig.”

“Also, Herr Sponholz, der alte Graf Berneck hatte das nicht nötig gehabt, immer so zu schreien.”

“Das mag sein, Pepe, aber der Graf Berneck ist nunmal nicht mehr der Besitzer dieses Hotels, sondern die Frau Ludwig ist jetzt unsere Chefin.”

“Ja, ich weiß”, sagte Pepe etwas enttäuscht, “warum musste sich der Graf auch letztes Jahr schon zur Ruhe setzen? Ich fand, der war eigentlich noch ganz fit.”

“Nun ja, immerhin war er schon fast 80 und irgendwann musste er ja mal den Absprung in den verdienten Ruhestand schaffen. Und außerdem hat ihm die Frau Ludwig wohl ein sehr gutes Angebot gemacht. Und dann hat er das Hotel eben verkauft. Wir sollten ihm die Ruhe gönnen, die er jetzt hat”.

“Ich verstehe das nicht, wie Sie das alles so locker nehmen, Herr Sponholz. Auf ihnen hackt sie doch am meisten rum, oder nicht?”

“Nun, Pepe, die Rezeption ist in einem Hotel nuneinmal so eine Art Mittelpunkt. Hier läuft alles zusammen und natürlich habe ich von allen Angestellten am häufigsten Kontakt zur Frau Ludwig. Und außerdem hackt sie nicht auf mir herum, sondern sie erkundigt sich desöfteren nach dem Stand der Dinge.”

“Also, wenn Sie das so nennen, ich würde es eher...”

Das Ringen des Telefons unterbrach ihn. Herr Sponholz warf Pepe einen entsprechenden Blick zu und nahm das Gespräch entgegen. Am Telefon sprach er - wie immer - mit seiner Berufsstimme. Zumindest war das Pepes Ausdruck dafür, wie Herr Sponholz am Telefon und auch sonst an der Rezeption mit Gästen redete. Dort klang seine Stimme ganz anders, als wenn man privat mit ihm sprach. Im Gespräch mit Gästen klang er irgendwie vornehm, ungefähr so, wie die Butler in alten englischen Spielfilmen ihren Lord ansprachen. Es war ein wenig unterwürfig, aber ebenso verbindlich und zuvorkommend. Man merkte ihm an, dass er trotz allem immer noch stolz darauf war, im Friedensreich zu arbeiten, einer der ersten Adressen in der Umgebung. Trotz des Besitzerwechsels hatte das Hotel seinen guten Ruf in der Gegend nicht verloren. Es war zwar kein großes Hotel, dafür war es aber bekannt für seine gute Küche und den individuellen Service. Kein Wunder, dass es immer wieder Kaufinteressenten für das Haus gegeben hatte. Doch Graf Berneck hatte bis zuletzt gewartet, bis er es schließlich verkauft hatte. Und ausgerechnet die Ludwig musste es kaufen... Pepe empfand das als ungerecht. Aber was sollte man da schon machen?

Da Herr Sponholz noch telefonierte schaute er in dessen Computermonitor. Vielleicht konnte er sehen, ob heute noch Gäste erwartet würden. Aber auf dem Bildschirm wurde gerade die Zimmerbelegung angezeigt. Er wollte lieber nichts verändern. Als er schon wieder wegsehen wollte entdeckte er einen kleinen Aufkleber, der am oberen Rand des Monitorgehäuses angebracht war. Darauf stand: “Jesus lebt! Er ist mein Heil, mein Weg, mein Leben!”

Was das wohl bedeutete? Ob Herr Sponholz den Aufkleber dort angebracht hatte?

Pepe nahm sich vor, ihn einmal danach zu fragen. Aber jetzt begab er sich erstmal zur Eingangstüre, ging hinaus und hielt Ausschau nach neuen Hotelgästen.

Kapitel 2

Siegmar Sponholz legte den Hörer wieder auf die Gabel. Gewissenhaft trug er die soeben erhaltene Zimmerreservierung in das große Buch ein, welches geöffnet vor ihm auf dem Tresen der Rezeption lag. Er tat es so wie er es die 21 Jahre vorher auch schon getan hatte als Graf Berneck noch die Leitung des Hotels innehatte. Nachher würde er die Daten noch in den Computer übertragen, der seit etwa  einem Jahr sein ständiger elektronischer Partner bei der Arbeit war. Frau Ludwig hatte ihn anschaffen lassen. “Wir müssen mit der Zeit gehen, Herr Sponholz”, hatte sie damals zu ihm gesagt, “Wir sind nicht mehr im Mittelalter. Wo gibt es heutzutage schon noch eine Hotelrezeption ohne Computer?”. Herr Sponholz konnte es ihr nicht sagen. Er wusste nur, dass der Hotelbetrieb die ganzen Jahre zuvor auch ohne so einen Kasten gut gelaufen war. Aber das behielt er natürlich für sich. Was hätte es auch schon bewirkt, wenn er etwas gesagt hätte? Nein, das war nicht seine Art. Und es war nicht die Art von Carla Ludwig, eine einmal von ihr getroffene Entscheidung zurückzunehmen. Das hatte Herr Sponholz von Anfang an gespürt. Vom ersten Tag an, seit sie die neue Besitzerin war, bestimmte sie sehr resolut das Geschehen in diesem  altehrwürdigen Haus. Der alte Graf Berneck war der letzte einer langen Dynastie von Hotelbesitzern, deren Anfänge bis in das achtzehnte Jahrhundert zurückreichten. Sein Ururgroßvater hatte den Landgasthof seinerzeit gegründet und seither wurde er von Generation zu Generation weitervererbt. Und da Graf Berneck kinderlos blieb, war er der letzte in dieser langen Reihe adeliger Hoteldirektoren. Kaum noch etwas in dem Hotel erinnerte an diese lange Familientradition, einmal abgesehen von den Portraits der jeweiligen Bernecks, die das Haus führten. Die Bilder hingen nicht mehr an ihrem angestammten Platz am Treppenaufgang. Früher waren sie dort schön der Reihe nach angebracht. Alle drei Stufen ein anderes Bild und unter dem Bilderrahmen ein Messingschild mit dem Namen  und den Daten des Gemalten. Ganz oben, am Ende der Treppe zum ersten Stock hing das Bild des Hotelgründers, Graf Balthasar von Berneck, 1751-1812. Und nach unten hin folgten ihm fünf weitere Bernecks mit ihren Portraits. Nur der letzte der Reihe, der alte Graf Berneck fehlte noch in dieser Galerie. Es war üblich, die Bildersammlung erst nach dem Dahinscheiden des jeweiligen Hoteldirektors zu erweitern.

Herr Sponholz fragte sich, ob überhaupt jemals das Portrait des letzten Berneck in diesem Hause hängen würde. Es gab ja niemanden mehr, der sich darum kümmerte.

Aber die Bilder hingen ohnehin nicht mehr an der Wand zur Treppe, wo die Gäste sie früher gut betrachten konnten, während sie die Treppen hinauf- oder hinuntergingen. Die Bilder hingen jetzt etwas versteckt am linken Ende der Eingangshalle, dort wo es zu den Toiletten ging. Sie waren auf Anweisung von Frau Ludwig dort plaziert worden. Früher wäre das ein Sakrileg gewesen, aber die Zeiten ändern sich nunmal. Und vor allem die Besitzer ändern sich. Für Frau Ludwig waren die Bilder reiner Familienkitsch. Sie hätte sie wohl völlig entfernen lassen, wenn sie nicht genau wüsste, daß der Erfolg des Hotels auch ein Stück weit von dessen langer Tradition abhing. Und so musste ein Rest erhalten bleiben, der an diese Tradition erinnerte. Die Leute liebten das eben. Und die Leute liebten Gerüchte. Und es gab eine ganze Reihe davon, die sich um das Hotel rankten. Von einem unterirdischen Geheimgang war da die Rede und von einem Schatz, der in den Gemäuern versteckt sei und früher im Besitz des Bayernkönigs Ludwig gewesen sein soll. Doch Herr Sponholz gab nicht viel auf diese Gerüchte. Seit 21 Jahren arbeitete er nun in diesem Betrieb, womit er der dienstälteste Angestellte war, und er kannte jeden Winkel dieses Hauses - zumindest war er überzeugt davon. Denn das Friedensreich, das diesen Namen schon immer trug, war alles andere als unübersichtlich. Es hatte drei Stockwerke mit insgesamt 65 Gästezimmern, einer Suite und einem Restaurant. Zugegeben, das gesamte Gebäude war unterkellert und es gab zahlreiche Räume dort unten. Aber Herr Sponholz war schon in jedem von ihnen gewesen. Außer dem großen Weinkeller, dem Heizungsraum und der Wäscherei gab es dort nicht viel von Bedeutung. Mal abgesehen davon, dass Bodo Springer, der Hausmeister, dort seine Werkstatt hatte. Wann immer etwas in dem Hotel kaputtging, eine Glühbirne durchbrannte, ein Fernseher nicht mehr ging oder das Telefon seinen Dienst verweigerte, war dies ein Fall für Bodo Springer.  Der gelernte Elektriker war ebenfalls ein Urgestein des Hauses. Und der Keller, das war sein Reich. Herr Sponholz konnte nie begreifen, wie es Bodo Springer stundenlang dort unten  ohne Tageslicht aushalten konnte. Aber offensichtlich konnte er, denn man sah ihn nur sehr selten hier oben, eben nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ.  Es gab einen kleinen Lastenaufzug, der vom Erdgeschoss direkt in die Werkstatt von Bodo Springer führte. Schon seit Jahren war Herr Sponholz es gewohnt, kleinere Gegenstände, die einer Reparatur bedurften mit dem Aufzug nach unten zu schicken. Dazu noch ein kurzer Anruf bei Bodo, die beiden duzten sich schon länger, und er konnte sicher sein, den Gegenstand meistens noch am selben Tag repariert zurückzuerhalten. Bodo war vielleicht etwas lichtscheu und schweigsam, aber dafür war er überaus zuverlässig. Und das war wichtig in einem Haus wie diesem.

Herr Sponholz blickte auf die Uhr. Er musste sich noch um die Liste kümmern, die Frau Ludwig haben wollte. Keinesfalls wollte er sie wieder warten lassen. Also suchte er sich die Telefonnummer des Bräutigams heraus und wählte dessen Nummer. Er hatte Glück. Er hatte seinen Ansprechpartner gleich am Apparat und bekam die Zusage, dass das Fax innerhalb der nächsten zwei Minuten bei ihm eingehen werde. Hochzeitsgesellschaften buchten oft das Friedensreich. Die einmalige landschaftliche Lage und die hervorragende Küche machten das Haus zu einem beliebten Anlaufpunkt für Festgesellschaften aller Art. Nur selten fanden hier dafür Kongresse oder geschäftliche Veranstaltungen statt. Dazu war das Hotel einfach zu weit ab vom Schuss. Hier ging eben alles etwas beschaulicher zu als in der Großstadt. Und bis München waren es sicher anderthalb Stunden mit dem Auto und fast zwei Stunden mit der Bahn.   Aber alle, die die Zeit hatten und dem Großstadtdschungel entfliehen wollten, kamen umso lieber hierher.

Herr Sponholz hörte bereits das Surren des Faxgerätes. Da kam die Liste. Er wartete, bis sie vollständig angekommen war und schon war er auf dem Weg zur Treppe in den ersten Stock.


Kapitel 3

Mit der einen Hand hielt Carla Ludwig den Telefonhörer an ihr Ohr, mit der anderen kritzelte sie ein paar Notizen auf den vor ihr liegenden Block.

“Ja, Mister Clark, ich habe alles notiert. Sind Sie auch sicher, dass es funktionieren wird?”.

“Gut, Mister Clark ich verlasse mich auf Sie, ich werde alles wie besprochen arrangieren. Good bye.”

Zufrieden legte sie den Hörer auf die Gabel, lehnte sich entspannt in ihrem komfortablen Bürostuhl zurück und schlug die Beine übereinander.

Nun würde doch alles etwas schneller gehen als erwartet. Zwar würde das den Zeitplan des Hotels etwas durcheinanderwirbeln, aber man musste eben Prioritäten setzen.  Das große Ziel war nun greifbar nahe und das musste ausgenutzt werden.

Gerade als sie sich wieder nach vorne zum Schreibtisch beugen wollte, klopfte es an der Tür.

“Herein!”

Siegmar Sponholz öffnete die Tür zu Carla Ludwigs Büro und trat ein. In der rechten Hand hielt er ein Blatt Papier.

“Frau Direktor, entschuldigen Sie die Störung, aber ich habe nunmehr die gewünschte Liste erhalten.”

“Ah, Herr Sponholz, das ist ganz hervorragend. Lassen sie mich mal sehen.”

Herr Sponholz ging auf den Schreibtisch seiner Chefin zu, der sich mitten in dem großzügigen Büro befand und übergab ihr die Liste. Danach trat er wieder einen Schritt zurück und verharrte dort in respektvoller Erwartung. Carla Ludwig warf einen flüchtigen Blick auf die Liste, dann nahm sie sie und schob das Blatt langsam und genüsslich in den neben ihrem Tisch stehenden Aktenvernichter. Sofort zog das Gerät das Blatt in seinen metallenen Schlund und verarbeitete es in Sekundenschnelle zu Konfetti.

Sprachlos beobachtete Herr Sponholz das  Geschehen. Einen Augenblick lang meinte er, seinen Augen nicht zu trauen. Erst nach ein paar Sekunden gewann er seine Fassung wieder. Carla Ludwig schaute ihn mit einen triumphalen Gesichtsausdruck an.

“Aber, aber Frau Ludwig”, gewann er seine Stimme mühevoll wieder, “das war die Anmeldungsliste für...”

“Ich weiss, was das für eine Liste war, Herr Sponholz”, sagte sie spitz, “ich habe gerade einen wichtigen Anruf aus Amerika bekommen. Dadurch wird sich der Tagesablauf in diesem Hause vorübergehend etwas ändern. Diese Hochzeit passt mir leider gar nicht mehr ins Konzept. Sagen Sie sie ab.”

Nunmehr war sich Herr Sponholz sicher, sich verhört zu haben.

“Ich soll was?!”

“Sie haben mich schon richtig verstanden”, sagte Carla Ludwig streng, “die Veranstaltung wird abgesagt. Veranlassen Sie alles weitere.”

Siegmar Sponholz war selten einmal entsetzt, aber nun war er es.

“Aber Frau Ludwig, das geht nicht, die Hochzeitsgesellschaft ist fest gebucht.

Der Bräutigam hat bereits Einladungskarten verschickt. Und eine Anzahlung hat er auch geleistet!”

“Das ist mir egal, Herr Sponholz. Soweit ich weiss, haben wir diese Buchung niemals schriftlich bestätigt. Veranlassen Sie, dass der Bräutigam noch heute seine Anzahlung zurückerhält. Und verdoppeln Sie die Summe noch mal wegen seiner Auslagen. Ich denke, das ist mehr als großzügig. Sagen Sie ihm irgendwas, lassen Sie sich was einfallen, von mir aus sagen Sie ihm, dass  wir hier eine Grippewelle haben, oder sagen Sie ihm, wir haben hier eine Woche lang keinen Strom, oder... sagen Sie ihm irgendwas. Jedenfalls möchte ich, dass Sie umgehend diese und alle weiteren Veranstaltungen der nächsten 14 Tage absagen. Haben Sie mich verstanden?”

“Durchaus, Frau Direktor. Darf ich fragen, was Sie zu dieser plötzlichen Entscheidung veranlasst hat?”

“Besuch, Herr Sponholz. Wir bekommen Besuch aus Übersee. Sagen Sie mal, im ersten Stock sind doch derzeit keine Zimmer belegt, oder?”

“Fast keine Zimmer, Frau Direktor, fast keine. Die 107 ist derzeit von Frau Wagenfeld belegt. Sie bleibt noch bis Montag.”

“Gut, Herr Sponholz. Quartieren Sie sie um. Geben Sie ihr ein Zimmer im zweiten. Ich möchte, dass die erste Etage in den nächsten zwei Wochen für unseren Besuch reserviert wird.”

“Selbstverständlich, Frau Direktor. Darf ich fragen, wen wir erwarten?”

“Oh, es kommen ein paar Freunde aus Amerika. Geschäftsfreunde. Das ist außerordentlich wichtig für die Zukunft dieses Hauses. Und somit auch außerordentlich wichtig für Ihren Arbeitsplatz, wenn Sie wissen, was ich meine.”

“Natürlich, Frau Direktor, ich werde alles veranlassen. Wann wird dieser, äh... ... Besuch hier eintreffen?”

“Schon morgen früh. Schicken Sie mir Frau Schott rein bitte. Ich möchte sie ebenfalls unterrichten. Ansonsten wäre es das.”

Immer noch etwas konsterniert machte Herr Sponholz kehrt und verließ schweigend das Büro in Richtung Rezeption. So etwas hatte er in 21 langen Jahren in diesem Haus noch nicht erlebt. Eine Hochzeitsgesellschaft zwei Tage vor Beginn abzusagen? Nein, so etwas war hier noch nie vorgekommen. Jedenfalls nicht seit er in diesem Hotel beschäftigt war. Was sollte er nur dem Bräutigam erzählen?  Dieser würde sicher außer sich sein. Und das zu Recht. Zahlreiche Fragen schossen ihm durch den Kopf. Er konnte sich einfach keinen Reim auf diese Sache machen. Wie konnte ein Besuch nur so wichtig sein, dass dafür eine ganze Hochzeitsgesellschaft abgesagt werden musste? Und dann noch die Reservierung der ganzen ersten Etage?

Als Herr Sponholz wieder an seinem Arbeitsplatz ankam, nahm er erstmal den Telefonhörer in die Hand und wählte die 24, den Hausanschluss von Franziska Schott, der Hausdame des Hotels. Als diese sich meldete, sagte er knapp: “Frau Schott, Frau Ludwig möchte Sie in ihrem Büro sehen.”, und legte wieder auf. Er hatte jetzt keine Muße nach einem längeren Gespräch mit Frau Schott. Dazu war er noch viel zu aufgewirbelt. Jetzt galt es erstmal wieder klare Gedanken zu fassen.


Kapitel 4

Nur zu gerne wäre Pepe in den vor ihm liegenden Chiemsee gesprungen. Denn es war fürchterlich heiss. Es war einer der heissesten Sommer des Jahrhunderts, wie die Meteorologen zu berichten wussten. Doch natürlich ging das nicht. Schließlich war Pepe im Dienst. Auch wenn es ein ruhiger Tag zu sein schien, so konnte doch jederzeit ein Gast ankommen, um dessen Gepäck er sich zu kümmern hatte. Außerdem musste er zur Stelle sein, falls Herr Sponholz einen Auftrag für ihn hatte. Es kam nicht selten vor, dass ein Hotelgast irgendetwas brauchte, einen neuen Film für die Kamera, eine Wanderkarte oder eine Badehose  und sich deswegen an die Rezeption wandte. Und für den Fall, dass die Rezeption das Gewünschte nicht bereithielt, so wurde er von Herrn Sponholz in das zwei Kilometer entfernte Dorf geschickt, um es mit seinem Fahrrad zu besorgen. Doch glücklicherweise schien an diesem heissen Tag niemand etwas von ihm zu wollen.

Da er bereits anfing zu schwitzen ging er wieder hinein. In der klimatisierten Eingangshalle ließ sich die Hitze noch am besten ertragen, wenn man schon nicht baden gehen konnte. Pepe ging in Richtung Rezeption, wo er bereits Herrn Sponholz stehen sah. Komisch, hier drinnen war es wirklich angenehm kühl und doch standen diesem unübersehbar die Schweißperlen auf dem Gesicht.

“Also wenn Sie hier drinnen schon schwitzen, Herr Sponholz, dann sollten Sie lieber nicht nach draussen gehen!”, sagte Pepe leicht grinsend, als er die Rezeption erreichte.

“Pepe, ich schwitze nicht wegen der Hitze, ich schwitze, weil ich einen äusserst unangenehmen Telefonanruf vor mir habe.”

“Warum, müssen Sie schon wieder den Kammerjäger kommen lassen?”

“Nein, Pepe, wenn es nur das wäre. Ich war gerade oben bei Frau Ludwig. Die Hochzeitsgesellschaft Sonntag wird abgesagt. Und der Bräutigam weiss noch nichts von seinem Glück.”

Schlagartig veränderte sich Pepes Gesichtsausdruck. “Abgesagt?? Sind Sie sicher?”.

“Tja, erst dachte ich auch, ich hätte mich verhört, aber es ist tatsächlich so. Und nicht nur das, in den nächsten 14 Tagen soll überhaupt keine Veranstaltung bei uns stattfinden.”

Mit offenem Mund und großen Augen vernahm Pepe die überraschenden Neuigkeiten.

“Und warum das Ganze?”, fragte er erstaunt.

“Ja, so genau weiss ich das selber nicht. Morgen sollen Gäste von Übersee zu uns kommen. Die ganze erste Etage ist für sie reserviert.”

“Die ganze erste Etage? Das ist ja ein Hammer! Und was wollen die hier?”

“Das kann ich im Moment selber nicht sagen. Ich verfüge nur über spärliche Informationen. Eigentlich weiss ich gar nichts. Ich war so perplex vorhin, dass ich gar nicht danach gefragt habe. Aber wenn ich es mir recht überlege... ich habe den Eindruck, dass die Frau Ludwig ohnehin der Ansicht ist, dass wir deswegen nicht allzuviel wissen sollten.”

Es schien als wäre Herr Sponholz’ Ratlosigkeit auf Pepe übergesprungen. Denn nun bildete sich auch ein erster Schweißtropfen auf seiner Stirn. Das alles war mehr als ungewöhnlich und es schien Herr Sponholz sehr mitzunehmen. Nun kreisten auch in Pepes Kopf die Fragen.

“Und wie wollen Sie das dem Bräutigam beibringen?”

“Das ist wirklich eine gute Frage. Frau Ludwig hat vorgeschlagen, dass ich irgendeinen Vorwand dafür benutze.”

“Und? Was bleibt Ihnen schon anderes übrig?”

Herr Sponholz wurde plötzlich ganz still. Sein Blick wanderte scheinbar ziellos im Raum umher. Es schien, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Pepe sah ihn fragend an, wagte es aber nicht, ihn dabei zu unterbrechen. Nach einer Weile wandte er sich wieder Pepe zu und sagte ihm etwas, das Pepe noch viele Tage später beschäftigen sollte: “Weisst Du Pepe, es gibt im Leben immer zwei Möglichkeiten. Du kannst den linken Weg oder den rechten wählen. Du kannst Ja sagen, oder Du kannst Nein sagen. Du kannst deinem eigenen Willen folgen oder Du kannst dem Willen eines Größeren folgen.”

Gespannt lauschte Pepe diesen Worten. Er verstand nicht recht, was Herr Sponholz dort sagte, aber tief im Inneren spürte er, dass es etwas Bedeutsames sein musste. Und je länger er zuhörte, desto größer wurden  seine Augen. Herr Sponholz schien seine Gedanken erraten zu haben:

“Du fragst Dich sicher, was ich damit meine. Du denkst sicher, dass vieles was passiert auf Zufällen beruht, stimmt’s?” Pepe nickte zögernd mit dem Kopf.

“Das habe ich früher auch geglaubt. Aber jetzt glaube ich, dass es anders ist. Ich habe einen Größeren kennengelernt. Um genau zu sein, einen weitaus Größeren. Und eigentlich habe ich nicht ihn gefunden, sondern er mich.”

Nun verstand Pepe gar nichts mehr. Doch nach wie vor war er sehr gefesselt, von dem, was er dort hörte. Ohne genau zu wissen warum, sagte Pepe plötzlich: “Es hängt mit dem Aufkleber dort an ihrem Monitor zusammen, stimmt’s?”

Erstaunt sah Herr Sponholz Pepe an.

“Ja! Du hast Recht! Wie hast Du das nur erahnt?”

Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er fortfuhr:

“Dann weisst Du jetzt, wer dieser Größere ist. Es ist Jesus. Und ich glaube an ihn. Denn ich bin gläubiger Christ und das bedeutet, dass ich auf das höre, was Jesus zu sagen hat. Zumindest versuche ich es. Und es ist nicht sehr christlich einfach irgendeinen Vorwand zu erfinden, der gar nicht stimmt. Und das ist der Grund dafür, dass ich momentan in einem gewissen Konflikt stecke. Ich bin Angestellter dieses Hauses und verpflichtet, Anweisungen der Direktion auszuführen. Andererseits bin ich einem Größeren verpflichtet und das kann im Leben manchmal zu solchen Konflikten führen.”

Pepe sah Herrn Sponholz an, als hätte er verstanden, was er gerade gehört   hatte.

“Dann sagt die Frau Ludwig also, Sie sollen dem Bräutigam irgendeinen erfundenen Grund für die Absage der Veranstaltung nennen und Jesus sagt Ihnen, dass Sie die Wahrheit sagen sollen?”

“Ja, damit triffst Du fast ins Schwarze. Natürlich könnte man sagen, dass alles sei nur eine Kleinigkeit. Aber gerade in diesen kleinen Dingen erweist sich die Treue eines Menschen.“

“Dann sagen Sie doch die Veranstaltung einfach ab, ohne den genauen Grund zu nennen! Sagen Sie einfach es seien innerbetriebliche Gründe vorhanden!”, hatte Pepe einen Geistesblitz.

Herr Sponholz war verblüfft über diese einfache Lösung seines Konfliktes.

“Ja, Pepe, warum eigentlich nicht. Ich werde noch einen Moment darüber nachdenken und dann bringe ich den Anruf hinter mich.”

Pepe freute sich sichtlich, dass sein Vorschlag auf offene Ohren bei Herrn Sponholz stieß. Er beschloss, ihn für einige Minuten in Ruhe zu lassen um ihn ungestört nachdenken zu lassen. Inzwischen wollte er auf einen Sprung zu Bodo Springer in den Keller gehen. Schließlich hatte er brandaktuelle Neuigkeiten auf Lager. Gerade als er gehen wollte, drehte er sich doch noch einmal zur Rezeption um und fragte Herrn Sponholz: “Sagen Sie mal, wie sind Sie denn eigentlich Christ geworden?”

Herr Sponholz zog die Augenbrauen nach oben und ein verschmitztes Lächeln zog sich durch sein Gesicht.

“Tja, das ist eine lange Geschichte, Pepe. Und Du wirst es nicht glauben, aber sie hängt eng mit diesem Haus zusammen. Ich bin vor etwa 20 Jahren durch jemanden zum Glauben gekommen, den Du auch sehr gut kennst. Es war niemand Geringeres als der alte Graf Berneck! Aber nun geh!  Ich erzähle Dir bald mehr darüber.”

Kapitel 5

Wie jeden Morgen um sechs Uhr schloss Herr Sponholz von innen den großen Haupteingang des Hotels auf. Als er die beiden massiven eichenen Flügel der Türe geöffnet hatte fielen bereits die ersten Strahlen der Morgensonne, die soeben am Horizont hinter dem Chiemsee aufgegangen war, auf sein Gesicht. Er warf einen prüfenden Blick in Richtung Himmel. Für heute war Regen angesagt, aber im Moment war davon, bis auf eine frische Brise, die wehte nicht viel zu spüren. Um diese Zeit war es noch angenehm kühl dort draussen. Und Herr Sponholz genoss diese erste Zeit am Morgen. Für gewöhnlich dauerte es noch mindestens ein Stündchen, bis das Leben in und um das Hotel so langsam erwachte. Zeit genug, die Stille noch intensiv zu genießen, gemütlich einen Kaffee zu trinken und in aller Ruhe die ersten Vorbereitungen für den neuen Arbeitstag zu treffen. Er war froh, dass er die gestrige Situation mit dem Bräutigam einigermaßen über die Bühne gebracht hatte. Natürlich war dieser äusserst ungehalten gewesen, aber letztlich akzeptierte er die Absage, wohl oder übel. Außerdem war er erleichtert, dass er sich dafür entschieden hatte Pepes Vorschlag zu folgen, wodurch ihm größere Gewissensbisse erspart blieben.

Er nahm noch einen tiefen Atemzug, streckte sich und begab sich wieder nach innen. Zu seiner Überraschung hörte er, wie bereits jemand die Treppen Richtung Erdgeschoss hinuntereilte. Wer mochte das wohl sein? Allzuviele Gäste hatte das Hotel derzeit nicht. Und diejenigen, die da waren, waren für gewöhnlich frühestens ab sieben Uhr hier anzutreffen, wenn das Frühstücksbüffet eröffnete. Die Schritte kamen näher. Nun konnte Herr Sponholz die Person, die da flott die Treppe hinunterkam erkennen. Es war Franziska Schott, die Hausdame des Hotels. Sie war für alles verantwortlich, was mit den Gästezimmern und dem Service zusammenhing. Frau Schott ging schnurstracks auf die Rezeption zu.

Herr Sponholz warf ihr ein freundliches “Guten Morgen, Frau Schott!” zu. Doch diese war viel zu aufgeregt und überhörte den Gruß.

“Herr Sponholz”, sagte sie leicht keuchend, “die halbe Nacht konnte ich kein Auge zu tun. Die ganze erste Etage! Das müssen sie sich einmal vorstellen. Die ganze erste Etage ist seit heute für irgend so einen Besuch reserviert! Na, Sie haben es ja gestern selber gehört. Und die arme Frau Wagenfeldt, die ich umquartieren musste... Wissen Sie eigentlich, wer da heute kommen soll?”

Herr Sponholz zuckte mit den Schultern.

“Ich wünschte, ich könnte es ihnen sagen, Frau Schott. Aber uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten. Möchten Sie sich nicht lieber setzen?”, versuchte Herr Sponholz sie zu beruhigen und deutete auf den Stuhl neben seiner Rezeption.

“Danke, sehr freundlich, aber im Moment nicht. Ich glaube, ich werde für ein paar Minuten an die frische Luft gehen. Danach wird es mir sicher besser gehen.”

Und bevor Herr Sponholz etwas darauf entgegnen konnte, war sie schon in Richtung Tür verschwunden. Vor seinem inneren Auge sah Herr Sponholz wie die Hoffnung nach einem geruhsamen Morgen sich langsam aber sicher in Luft auflöste. Das konnte ja ein heiterer Tag werden...

Er nahm sich seine Thermoskanne und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Das musste trotz allem sein. Außerdem wurde es Zeit, Pepe aus den Federn zu werfen. Pepe übernachtete genauso wie er selbst, Bodo Springer und Frau Schott im Friedensreich. Eigentlich wohnte er noch bei seinen Eltern in München, aber das war natürlich zu weit weg, um von dort jeden Morgen hierher zu kommen. Daher bewohnte er eine kleine, aber zweckmäßige Kammer ganz oben im Dachgeschoss. Und da Herr Sponholz auch den Weckdienst für die Hotelgäste in seinem Verantwortungsbereich hatte, hatte es sich eingebürgert, dass er auch Pepe allmorgendlich durch einen Telefonanruf aus dem Reich der Träume beförderte. Nachdem er einen Schluck aus seiner Tasse genommen hatte, griff er zum Hörer und wählte Pepes Hausanschluss. Nach mehrmaligem Klingeln vernahm er am anderen Ende eine müde Stimme:

“Halloooh?”

“Hier Sponholz. Guten Morgen Pepe. Zeit zum Aufstehen!”

Nach einer kurzen Pause sagte die müde Stimme leise: “Jaaah, ist gut. Danke fürs Wecken. Bis gleich.” Und es machte Klick.

Das war Pepes übliche Reaktion auf den morgendlichen Weckanruf. Aber eines musste man ihm lassen: Wenn er auch ein chronischer Morgenmuffel war, so konnte sich Herr Sponholz nicht daran erinnern, dass Pepe auch nur einmal zu spät zum Dienst erschienen wäre. Offiziell brauchte dieser wegen seines Status als Auszubildender erst um 8 Uhr da zu sein. Doch die Erfordernisse eines Hotels machten es notwendig, dass man sich stillschweigend auf eine halbe Stunde früher geeinigt hatte. Mindestens. Und da zu vermuten war, dass der heutige Tag nicht wie gewöhnlich verlaufen würde, war es gut, wenn Pepe so früh wie möglich zur Verfügung stand.

Herr Sponholz schaltete den Computer ein. Er musste noch die Zimmerbelegung aktualisieren. Zwei Ehepaare und drei Kurgäste im dritten, vier Kurgäste, dazu noch Frau Wagenfeldt und ein Ehepaar im zweiten und dann eine völlig unbelegte erste Etage, genau wie Frau Ludwig es gewünscht hatte. Wann diese im Hotel eintreffen würde, war nie so genau zu sagen. In der Regel war dies nicht vor Mittag der Fall, manchmal kam sie auch gar nicht. Für Gewöhnlich wurden die Angestellten nicht über ihr geplantes Eintreffen informiert. Und das war eigentlich auch nicht nötig. Im Hotel wusste jeder, was er zu tun hatte und so war ein geregelter Tagesablauf auch ohne die Anwesenheit der Direktorin gewährleistet. Lediglich Küchenchef Pierre Verenque hatte manchmal mehr Informationen als die anderen. Er war bisher der Einzige, den Frau Ludwig während ihrer Amtszeit selbst neu eingestellt hatte. Der bisherige Koch musste dafür gehen - er passte nicht mehr in das kulinarische Konzept des Hauses. Die neue Chefin hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ein Hotel wie dieses unbedingt über eine französische Küche zu verfügen hatte. Und so verschwanden so gut wie alle der Bayerischen Spezialitäten von der Karte und wurden durch französische ersetzt. Herr Sponholz war sich nicht sicher, ob man das wirklich einen Fortschritt nennen konnte. Jedenfalls hatte er sich bis heute nicht so recht mit dem neuen Chefkoch anfreunden können. Sie hatten ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Vielleicht lag das daran, dass Pierre Verenque so eine Art Liebling der Direktorin war. Während sie gegenüber den anderen Angestellten kaum ein mal ein Blatt vor den Mund nahm, so begegnete sie dem Küchenchef zumeist mit einer eigenartigen Mischung aus aufgesetzter Freundlichkeit und Koketterie. Sicher war das auch eine Reaktion auf die Schmeicheleien, mit denen Pierre Verenque die Direktorin regelmäßig umhüllte. Aber Herr Sponholz begnügte sich mit der Erkenntnis, dass ihn das ohnehin nichts anginge und es für ihn wichtiger war, seinen Job ordentlich zu machen.

Plötzlich vernahm er einen Ausruf der Verwunderung von draussen. Das war eindeutig die Stimme von Frau Schott.


Kapitel 6

Franziska Schott stand am Gelände der Aussichtsplattform des Hotels. Von hier hatte sie einen schönen Blick auf den weiten Chiemsee und die Strasse, die direkt am See vorbei in das Dorf führte. Es war immer noch sehr still und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Frau Schott fühlte sich nun  besser. Zuviel Aufregung war nicht ihre Sache. Als Frau Ludwig vor einem Jahr die neue Chefin des Hotels wurde, hatte sie eine Weile überlegt, ob sie die Stelle wechseln solle. Es war einfach so vieles anders geworden. Früher, beim alten Graf Berneck, da ging alles seinen gewohnten Gang und jeder wusste woran er war. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und Frau Schott war ein besonders ausgeprägtes Exemplar dieser Gattung. Doch letztlich hatte sie sich dazu entschieden, im Friedensreich  zu bleiben. Eine ganz neue Stelle hätte schließlich noch viel mehr Aufregung mit sich gebracht, sofern sie mit ihren 54 Jahren überhaupt noch irgendwo genommen worden wäre. Und so hatte sie sich vorgenommen, noch höchstens fünf Jahre weiterzuarbeiten und dann in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen.

Manchmal gab es schließlich auch schöne Momente. Dieser wunderbare Morgen gehörte sicherlich dazu. Sie genoß es, ihre Nase von den warmen, aber noch nicht zu heißen Strahlen der Morgensonne kitzeln und sich gleichzeitig die erfrischende Brise ins Gesicht wehen zu lassen. Sie atmete tief durch. Doch was war das dort am Horizont? Verdutzt schaute sie ein zweites mal hin. Da war ein schwarzer Punkt. Eigentlich waren es mehrere schwarze Punkte und sie kamen immer näher. Sie griff in ihre Tasche, holte ihr Etui hervor und setzte sich die Brille auf. Jetzt konnte sie erkennen, was das für Punkte waren: Fünf, nein sechs große, schwarze Autos kamen dort die Straße entlang gefahren. Die Autos glichen sich wie ein Ei dem anderen und  fuhren alle in mäßigem Tempo hintereinander her. War das eine Kolonne von Staatsgästen? In der Zeitung hatte sie nichts davon gelesen. Ob sie in das Dorf wollten? Gebannt verfolgten ihre Augen das Geschehen. Als die Autos immer näher kamen, konnte sie erkennen, dass sie alle verspiegelte Scheiben hatten und von außen nichts von den Insassen zu sehen war. Nanu? Das erste Auto blinkte rechts. Und in kurzen Abständen taten es ihm die anderen Wagen gleich. Frau Schott stieß einen lauten Ausruf der Verwunderung aus. Der ganze Tross bog ab in Richtung Hotel! Die Abzweigung von der Straße war eine Sackgasse. Sie diente ausschließlich dazu, zum Hotel zu gelangen. Sie mussten also zu uns wollen, dachte sich Frau Schott. Oder hatten sie sich verfahren? Nun wurden auch die Motorengeräusche lauter. Die schweren Limousinen kamen immer näher.

“Herr Sponholz!”, rief Frau Schott aufgeregt, immer noch den Blick auf das imposante Schauspiel richtend.

“Herr Sponholz! Schnell! Das müssen sie sich ansehen!”, rief sie erneut.

Es war unmöglich für Siegmar Sponholz diesen Ruf zu überhören. Dazu war die Stimme von Frau Schott einfach viel zu laut und schrill. Er beschloss, der Sache nachzugehen.  Als er nach draussen trat, sah er sogleich den Grund für Frau Schotts Aufregung. Die Limousinen waren nun fast angekommen. Auch Herr Sponholz zuckte kurz. Das war in der Tat kein alltäglicher Anblick. Doch er hatte sich schnell wieder gefasst und blieb am Eingang stehen, um erst einmal abzuwarten, was passieren würde.

Die Autos fuhren zielgerichtet auf den Hoteleigenen Parkplatz. Es war nun klar, dass sie sich nicht verfahren hatten, sondern genau hierher wollten. Akkurat begaben sich alle Fahrzeuge in eine Parklücke, wo sie nun alle der Reihe nach standen: groß, schwarz, schwer und blank poliert.

Nun waren die Motoren aus. Herr Sponholz und Frau Schott warteten gespannt darauf, wer aussteigen würde. Doch zunächst einmal passierte nichts. Worauf warteten die Insassen? Frau Schott hatte sich inzwischen ebenfalls zum Eingang begeben und stand nun direkt neben Herrn Sponholz.

Dann endlich öffnete sich die Beifahrertür des Wagens, der vorausgefahren war. Herr Sponholz und Frau Schott sahen, wie sich zwei Beine vorweg aus der Tür streckten. Kurz darauf folgte der Rest der Körpers. Was für eine Überraschung!  Ein bekanntes Gesicht kam da zum Vorschein. Es war niemand anderes als Frau Ludwig!

Nachdem sie ausgestiegen war, streckte sie sich erst einmal und entnahm  aus der Ablage der noch offen stehenden Tür eine Kleiderbürste, mit der sie ihren schicken, aber etwas zerknitterten Anzug abbürstete. Noch bevor sie ganz fertig damit war erblickte sie ihre beiden Angestellten, die nach wie vor sichtlich verwundert am Hoteleingang standen.

“Herr Sponholz, Frau Schott, was stehen sie da rum? Unser Besuch ist da. Gehen Sie wieder rein und lassen sie die Männer ausladen!”

Herr Sponholz war nun wieder ganz in seinem Element als Rezeptionschef.

“Selbstverständlich, Frau Ludwig, ich werde gleich dem Pagen Bescheid geben, er kümmert sich dann um das Gepäck.”

Inständig hoffte Herr Sponholz, daß Pepe bereits aufgestanden und in Kürze zum Dienst erscheinen würde, doch zu seiner Überraschung stellte sich seine Sorge als grundlos heraus:

“Nicht nötig, Herr Sponholz. Unsere Besucher kümmern sich selbst um ihr Gepäck. Stellen Sie nur sicher, daß sie nicht gestört werden.”

Frau Schott und Herr Sponholz sahen sich verwundert an, machten kehrt und gingen wieder hinein.

Dort stand schon Pepe. Er musste gerade erst heruntergekommen sein. Noch etwas müde aus der Wäsche schauend registrierte er wie seine beiden Kollegen etwas ratlos  das Hotel betraten.

“Hab` ich irgendwas verpasst?”, fragte er unaufgeregt.

“Eigentlich nichts besonderes”, entgegnete ihm Herr Sponholz, “mal abgesehen davon, daß soeben unser Besuch in sechs schwarzen Limousinen vorgefahren ist.”

“Der Besuch? Sechs Limousinen??”

Pepe war sofort hellwach.

“Das muß ich mir ansehen!”, rief er aus und war im Begriff, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Herr Sponholz reagierte geistesgegenwärtig:

“Pepe, Nein! Bleib stehen! Ich hatte noch nicht erwähnt, dass Frau Ludwig auch da draußen ist. Ich habe den Eindruck, die Herrschaften möchten ungestört ausladen.”

Sofort blieb Pepe stehen. Frau Ludwig wollte er so früh nicht unbedingt begegnen. Erstaunlich genug, dass sie um diese Zeit hier war. Schnell begab er sich zurück zur Rezeption und setzte sich. Frau Schott verabschiedete sich nach oben, um zu sehen, ob alles vorbereitet war.

Fast schon flüsternd fragte Pepe:

“Und? Wo bleiben die denn? Konnten sie was sehen?”

“Pepe, außer den Wagen habe ich auch noch nichts sehen können. Frau Ludwig wünscht, daß wir nicht weiter stören.”

“Nicht weiter stören? Immerhin sind wir hier angestellt!”

“Sicher. Aber  Frau Ludwig wird schon ihre Gründe haben.”

Ehe Pepe antworten konnte, vernahmen die beiden von draußen die Geräusche von sich öffnenden Türen. Stimmengemurmel drang nach innen. Kofferräume wurden geöffnet. Einmal schien etwas heruntergefallen zu sein. Ein dumpfer Laut war zu hören und ein Mann gab einen verärgerten Laut von sich. Es waren ohnehin nur Männerstimmen zu hören, mal abgesehen von Frau Ludwig, die zwischendurch zu hören war und zu delegieren schien. Das ganze dauerte mehrere Minuten. Dann kehrte einen Moment lang Ruhe ein. Sie schienen fertig zu sein. Was würde geschehen? Würden sie jetzt hineinkommen?

Eine knisternde Spannung lag in der Luft.


Kapitel 7

Frau Ludwig betrat als Erste das Hotel. Kurz darauf folgte ihr ein großgewachsener, hagerer Mann in einem dunklen Anzug und mit einem ledernen, schwarzen Aktenkoffer in der Hand. Er trug eine Sonnenbrille, die er auch im Inneren des Hotels nicht abnahm. Er schien so Anfang 50 zu sein, aber es war unmöglich, dies mit letzter Gewissheit zu sagen. Es war ein Hüne von einem Mann, deutlich über einen Meter neunzig groß. Er sah nicht aus wie ein typischer Amerikaner. Aber wie sah ein typischer Amerikaner schon aus?

Frau Ludwig und der Mann gingen zur Rezeption.

“Herr Sponholz, ich möchte Ihnen Mister Clark vorstellen, er leitet die Delegation. Mister Clark, das ist unser Rezeptionschef Her Sponholz. Er steht ihnen während ihres Aufenthaltes für alle Fragen Verfügung.”

Herr Sponholz sah zu Mister Clark hinauf und in seinem typisch verbindlichen Ton sagte er zu ihm: “Herzlich willkommen in unserem Haus, Mister Clark,  darf ich bereits erste Wünsche entgegennehmen?”

Mister Clark verzog keine Mine. Er blickte zunächst zu Frau Ludwig, die lächelnd neben ihm stand und dann wieder zu Herrn Sponholz.

Er schien sich einen Moment lang nicht sicher zu sein, was er antworten sollte, doch dann sagte er mit tiefer Stimme und in leicht amerikanischem Akzent:

“Vielen Dank, Mister, im Augenblick nicht.”

“Fein”, ergriff Frau Ludwig sofort wieder das Wort, “da sie sich nun kennengelernt haben, wollen wir gleich beginnen. Mister Clark, sicher wollen ihre Männer die Sachen hineinbringen.”

Mister Clark nickte kurz und wandte sich zum Eingang um.

“Ich sage den Männern Bescheid”, sagte er und ging hinaus.

Als er gegangen war, sah Frau Ludwig Herrn Sponholz eindringlich an.

“Herr Sponholz, der Betrieb in diesem Haus wird die nächsten Tage so normal wie nur möglich weiterlaufen. Achten Sie bitte darauf, dass für unsere Gäste alles so abläuft wie gewohnt. Es sind lediglich ein paar amerikanische Geschäftsleute für einige Zeit bei uns untergebracht. Falls sich in den nächsten Tagen jemand über Lärm beschwert, sagen sie, dass es uns leid tut, aber es müssen dringend einige Versorgungsleitungen repariert werden. Das duldet leider keinen Aufschub. Wir sind aber bemüht, die Störungen so gering wie möglich zu halten. Ansonsten gibt es nichts aber auch rein gar nichts, was irgendwie von Bedeutung wäre.”

Mit einem Blick, der unmissverständlich sagen sollte: “Und das ist alles, was Sie dazu wissen müssen”, schloss sie ihre Instruktionen ab.

Herr Sponholz blickte einen kurzen Moment ratlos auf den Tresen der Rezeption, fasste sich aber schnell wieder und entgegnete:

“Sehr wohl, Frau Direktor. Ganz wie Sie wünschen. Darf ich fragen welchem Zweck die Reparaturmaßnahmen dienen?”

“Aber, Herr Sponholz, haben Sie nicht gehört? Es müssen ein paar Leitungen repariert werden. Nichts Aufsehenerregendes also. Sonst noch Fragen?”

“Äh, nein Frau Direktor. Vielen Dank.”

Nachdem Frau Ludwig sich wieder nach draussen begeben hatte, sahen sich Pepe und Herr Sponholz mit einer Mischung aus Verwunderung und Ratlosigkeit an.

Pepe gewann als Erster seine Worte wieder:

“Also, das kommt mir alles ziemlich merkwürdig vor, Ihnen etwa nicht?”

“Um ehrlich zu sein, Pepe, ich kann mir im Moment auch noch keinen Reim auf die Sache machen.”

“Und was für Leitungen? Wenn hier was kaputt ist, dann macht Bodo das doch. Wozu müssen da extra ein paar Amerikaner hierher kommen? Glauben Sie vielleicht, das war nur ein Vorwand?”

“Solange wir es nicht besser wissen, Pepe, sollten wir davon ausgehen, dass es so ist, wie Frau Ludwig gesagt hat.”

“Aber die tut doch schon so geheimnisvoll. Ich bin mir ganz sicher, da stimmt was nicht.”

“Pepe, Du warst doch gestern unten bei Bodo. Hat er irgendwas von defekten Leitungen erwähnt?”

“Nein, gar nichts. Ich hab’ ihm ja auch nur die Neuigkeiten wegen dem Besuch erzählt. Aber er war gerade ziemlich beschäftigt und ich glaube, er hat sich gar nicht besonders dafür interessiert.”

“Gut, vielleicht sollten wir erst einmal abwarten. Sicher findet  sich eine ganz normale Erklärung für all das.”

“Ich würde kein Geld darauf verwetten, Herr Sponholz. Also ich jedenfalls glaube, das hier irgendwas faul ist. Und dieser Mister Clark kommt mir auch nicht ganz geheuer vor. Und Ihnen?”

“Tja, Pepe, ich habe schon viele Gäste hier ein- und ausgehen sehen. Sie kamen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen. Du wirst lachen, vor etwa zehn Jahren hatten wir sogar mal einen Indianerhäuptling hier. Der wollte sich in seinem Zimmer ein Lagerfeuer machen! Mir graust es heute noch, wenn ich an die Scherereien mit der Feuerwehr denke, die wir damals hatten... Jedenfalls sind amerikanische Gäste für ein Haus wie dieses nichts ungewöhnliches.”

“Trotzdem. Ich würde meinen nächsten Monatslohn darauf verwetten, dass hier irgendwas im Gange ist. Was ist? Schlagen Sie ein?”

Herr Sponholz begann unverhofft herzhaft zu lachen. Pepes Vorschlag amüsierte ihn auf eine liebenswerte Art, wie man sie wohl nur einem jungen Lausbub wie Pepe entgegenbringen konnte. Immer noch etwas erheitert sagte er ihm: “Also, Pepe, das ist ja ein reizender Vorschlag, aber zum Gegenstand einer Wette möchte ich das Ganze nun doch nicht machen. Außerdem gibt es für einen Christen weitaus bessere Dinge, als Wetten abzuschließen.”

“Sie dürfen keine Wetten eingehen, weil Sie ein Christ sind?”, fragte Pepe erstaunt.

“Nein, mit dürfen hat das nichts zu tun. Ich kann Dir versichern, dass ein Christ die grösstmögliche Freiheit hat, die sich ein Mensch nur vorstellen kann. Allerdings gibt es ein paar Dinge, die Christen einfach nicht mehr so gerne tun möchten, obwohl sie sie tun dürften.”

Pepe bekam schon wieder diese großen Augen.

“Und was möchten Sie nicht tun, was sie tun dürften, wenn ich mal fragen darf?”

“Ich will es Dir mal anders erklären. Beim Christsein geht es nicht so sehr darum, was man nun darf oder nicht, auch wenn in der Bibel so manches darüber steht. Aber es gibt wesentlich wichtigere Dinge als das. Das Wichtigste für einen Christen ist sein lebendiger Glaube. Wie der Name ja schon sagt, glaubt ein Christ an Christus als seinen Erlöser. Und das ist es, worum es eigentlich geht. Die ganzen anderen Dinge kommen dann mehr automatisch.”

“Ach so? Wieso Erlösung? Was meinen Sie denn damit?”

Herr Sponholz schaute Pepe mit einem warmen Lächeln an, doch er runzelte auch ein wenig mit der Stirn.

“Oh, das ist eine Sache, die ich nicht so in zwei Sätzen sagen kann. Außerdem werden sicher gleich unsere Gäste hereinkommen. Aber ich mache Dir einen Vorschlag. Interessiert es dich denn wirklich, was du gefragt hast?”

Pepe stemmte energisch die Hände in die Hüften. Mit ein wenig gespielter Entrüstung entgegnete er:

“Natürlich interessiert es mich! Sonst würde ich doch nicht fragen!”

Dieses Argument überzeugte Herrn Sponholz.

“Entschuldige Pepe, ich glaube dir, dass du dich dafür interessierst. Schau, was ich hier für dich habe.”

Herr Sponholz bückte sich und öffnete eine der Schubladen unterhalb seines Rezeptionstisches. Es kramte in ein paar Unterlagen, es raschelte, doch dann kam er mit einem kleinen Büchlein in der Hand wieder zum Vorschein.

“Das liegt schon seit ein paar Jahren hier. Ich hatte es mal für einen Gast besorgt, der es dann wieder zurückgab. Das ist ein Neues Testament in einer modernen Übersetzung. Fang einfach mal an, darin zu lesen. Das ist in einer leicht verständlichen Sprache, du wirst alles problemlos verstehen können. Vielleicht findest du ja schon ein paar Antworten auf deine Fragen darin. Und ansonsten können wir jederzeit gerne darüber sprechen. Nur vielleicht nicht jetzt gerade. Hörst du nicht? Ich glaube sie kommen jetzt rein!”

Kapitel 8

Mister Clark ging vorweg. Kurz hinter ihm kamen vier weitere Männer hinein. Sie alle hatten dunkle Anzüge an, die überraschend gut zu ihren finsteren Mienen passten. Sie  trugen Kisten in den Händen, massive, braune Kisten, die sehr schwer zu sein schienen. Einer der Männer, er war klein und dick, schwitzte bereits. Leicht keuchend setzte er seine Kiste ab. Er zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit über die Stirn. Die anderen Männer stoppten ebenfalls, behielten ihre Kisten aber in den Händen. Der kleine, dicke Mann begann die Umgebung zu mustern. Missmutig kreisten seine Blicke in der Eingangshalle des Hotels umher, wodurch sich  seine Begeisterung nicht unbedingt zu vergrößern schien. Als seine Blicke an der Rezeption angekommen waren, verharrten sie dort eine Weile und begutachteten misstrauisch den Rezeptionschef. Herr Sponholz warf dem Mann einen freundlichen und verbindlichen Blick zu, doch diesen schien das in keinster Weise zu beeindrucken. Ohne dass sich seine Miene auch nur im Geringsten aufhellte, wandte er seinen Blick wieder ab. Er nahm nochmals das Taschentuch in die Hand und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Er schaute zu seinen Kollegen, die immer noch auf ihrer Position verharrten und deutete mit einer flüchtigen Geste an, dass es nun weitergehen könne. Dann hob er seine Kiste wieder auf.

Nun kam auch Frau Ludwig hinein. Sofort eilte sie zur Rezeption.

“Herr Sponholz, rufen Sie bitte Frau Schott, sie möchte unseren Gästen bitte ihre Zimmer zeigen.”

“Natürlich, Frau Direktorin.”

Ohne zu zögern griff Herr Sponholz zum Hörer des Haustelefons und rief Frau Schott. Frau Ludwig wandte sich zu Mister Clark.

“Mister Clark, am Besten die Männer bringen diese Sachen mit auf ihre Zimmer. Das andere sollten wir nach unten bringen.”

Mister Clark signalisierte durch ein kurzes Kopfnicken Zustimmung. Nun richtete sich Frau Ludwig an den kleinen, dicken Mann. Dieser schien so eine Art Stellvertreter von Mister Clark zu sein.

“Mister Gundolf, begeben sie sich doch bitte schon in Richtung Treppe. Unsere Hausdame wird sie gleich auf ihre Zimmer begleiten.”

Sie deutete mit ihrem Arm in Richtung Treppe, worauf die Männer sich wieder in Bewegung setzten. Mittlerweile kam auch Frau Schott die Treppen herunter. Als sie etwa auf der Hälfte angekommen war, konnte sie die kleine Ansammlung im Eingangsbereich erkennen. Ihre Schritte verlangsamten sich zunehmend. Es herrschte eine irgendwie beklemmende, ja fast gespenstische Atmosphäre und man sah Frau Schott an, dass sie das mitzunehmen schien. Unten angekommen blickte sie schweigend und etwas ratlos zu Frau Ludwig. Diese hatte ihr Dauerlächeln aufgesetzt und tat ihr Bestes, um die Situation als das Normalste auf der Welt erscheinen zu lassen.

“Ah, Frau Schott. Darf ich ihnen unsere Gäste vorstellen. Das ist Mister Gundolf. Bitte zeigen sie ihm und den Männern ihre Zimmer. Die anderen werden etwas später kommen. Reservieren sie bitte für Mister Clark das Zimmer neben meinem Büro.”

Frau Schott bemühte sich, ebenfalls ein Lächeln zustandezukriegen und entgegnete: “Gerne, Frau Ludwig, gerne. Dann folgen sie mir bitte, meine Herren.”

Sie drehte sich um und  ging wieder hinauf. Mister Gundolf und die anderen drei Männer folgten ihr. Kurz darauf kam ein weiterer Mann zur Tür hinein. Er bewegte sich nur sehr langsam. Außerdem betrat er mit dem Rücken vorweg das Hotel. Schnell wurde der Grund dafür klar: Er schien das eine Ende von etwas sehr schwerem zu tragen. Der Mann ächzte. Er hatte ein breites Kreuz und trug wie die anderen einen dunklen Anzug. Nur schleppend kam er voran. Man konnte noch nicht genau sehen, was er dort trug. Erst als er einige Schritte in den Eingangsbereich getan hatte, wurde langsam deutlicher, was es war. War das ein Sarg? Von den Maßen her hätte es sicher einer sein können. Doch was wollte man schon mit einem Sarg in diesem Hotel? Jedenfalls handelte es sich um eine etwa zwei Meter lange und einen halben Meter breite Kiste. Sie war völlig schwarz und mit einem metallenen Gurt umgeben, der mit einem massiven Schloss gesichert war. Nun kam auch der Mann am anderen Ende der Kiste zum Vorschein. Auch er war breit gebaut und hatte seine Schwierigkeiten mit der Last. Doch die Männer machten keine Anstalten, die Kiste abzusetzen. Mister Clark kam auf die beiden zu und half ihnen beim Tragen. Dadurch kamen sie sichtlich schneller voran.

“Hierher, meine Herren, hierher!”, flötete Frau Ludwig ihnen zu. “Kommen sie, schön vorsichtig, wir bringen das in den Keller.”

Die Männer bewegten sich zum hinteren Teil der Eingangshalle, dort wo es in den Kellerbereich ging. Mühevoll, aber sehr vorsichtig schleppten sie ihre Last die Treppen hinunter, wobei Frau Ludwig voran ging und delegierte. Kurz darauf waren sie aus dem Sichtbereich der Rezeption verschwunden. Für Herrn Sponholz war es so, als säße er die ganze Zeit in einem Film. Er wusste nicht so recht, ob es ein guter war. Das Ganze hatte etwas überaus Groteskes. Es schien irgendwie gar nicht wahr zu sein, es war wie ein Traum, der nie stattgefunden hatte. Doch die Fakten sprachen eine andere Sprache. Das was gerade an ihm vorübergegangen war, war wirklich geschehen. In diesen schönen, idyllischen Landgasthof, inmitten einer wunderschönen, unschuldigen Landschaft, kamen auf einmal ein paar amerikanische Männer in dunklen Anzügen, die Kisten mit sich herumtrugen, eine davon wie ein Sarg, und machten hier Quartier. Wenn er wenigstens wüsste, wozu das Ganze stattfand. Aber er wusste es nicht. Er bemerkte auch nicht, wie Pepe ihn die ganze Zeit anstarrte.

“Herr Sponholz? Alles in Ordnung? Sie sehen ja so blaß aus.”

Herr Sponholz hatte sich im Griff. Ihn konnte so was natürlich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Also riss er sich zusammen.

“Alles in Ordnung, Pepe. Danke der Nachfrage.”

Besonders überzeugend klang er wohl nicht. Pepe war das nicht entgangen.

“Und? Glauben sie mir jetzt, dass da irgendwas faul ist?”

“Zugegeben, Pepe, im Moment kann ich mir keinen Reim auf die Sache machen. Vielleicht hast du sogar recht. Das heisst aber noch lange nicht, dass uns das was anginge.”

Pepe hatte für dieses Argument wenig Verständnis.

“Also ich glaube doch, dass es die Angestellten schon etwas angeht, was in ihrem Betrieb passiert. Und erst Recht, wo die Ludwig so geheimnisvoll tut. Wir sollten der Sache auf den Grund gehen!”

Herr Sponholz hielt das für keine besonders gute Idee.

“Wir? Ich werde gar nichts auf den Grund gehen. Ich bin Rezeptionschef und kein Detektiv. Und du solltest deine Finger ebenso da raushalten.”

“Werde ich nicht!”, protestierte Pepe, “da können sie sich drauf verlassen. Ich werde meine Augen offenhalten!”

Bevor Herr Sponholz etwas dazu sagen konnte, hörten sie wie die Kellertüre geöffnet wurde und jemand die Treppe hinaufkam. Sicher hatten die Männer alles verstaut und kamen nun zurück. Doch welch ein Irrtum! Wer da zum Vorschein kam, war Bodo Springer, der Hausmeister.

Ernsten Blickes kam er auf die Rezeption zu. Bodo Springer war normalerweise der gelassenste Zeitgenosse, den man sich vorstellen konnte. Nie schien ihn etwas aus der Ruhe zu bringen. Er war zwar etwas in sich gekehrt und meist sehr in seine Arbeit vertieft, doch trotz allem war er ein sehr umgänglicher Typ. Wie Herr Sponholz und Pepe war er im Hotel untergebracht, obwohl er das eigentlich nicht musste, da er eine eigene Wohnung im Dorf hatte. Doch er wollte so nah wie möglich an seiner Arbeit sein, weswegen er  sich ein kleines Schlafzimmer in einem Nebenraum seiner Werkstatt eingerichtet hatte.

“Bodo! Das ist ja mal ein seltener Anblick hier oben. Du hast bestimmt gerade Bekanntschaft mit unseren Gästen gemacht, stimmt’s?”, sagte Herr Sponholz mit einem Augenzwinkern.

Bodo Springer versuchte sich dazu durchzuringen zu lächeln, aber das misslang ihm.

“Hallo Siegmar. Ah, Pepe, du bist ja auch hier, grüß dich. Tja, ihr beiden, in der Tat hatte ich gerade ein besonderes Erlebnis. Da kamen gerade ein paar Männer nach unten in meine Werkstatt. Sie haben dann eine große, schwarze Kiste bei mir abgeladen. Und dann ging alles sehr schnell. Frau Ludwig war auch dabei. Sie sagte mir, dass ich für eine Weile umquartiert werden müsse. Der Keller wird für einige Zeit von diesen Männern benötigt.”

Erschrocken sahen sich Herr Sponholz und Pepe an.

“Sie haben dich aus dem Keller geworfen?”, fragte Herr Sponholz entgeistert.

“So könnte man es ausdrücken”, war Bodos knappe Antwort.

Das machte die Sache nun doch etwas verdächtig. Selbst Herr Sponholz hatte nun Zweifel, ob die Wahrscheinlichkeit für eine ganz normale Erklärung des Ganzen sehr hoch sein würde.

“Und wo sollen sie nun hin?”, fragte Pepe.

“Ich schätze wir werden eine Weile so was wie Nachbarn. Ich bekomme den alten Partyraum auf dem Dachboden.”

Der alte Partyraum wurde schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Früher, in den 70ern fanden dort Sylvester- oder Geburtstagsfeiern statt. Doch diese Zeiten waren längst vorbei. Die Gäste hatten kein Interesse mehr an so was. Sie kamen in erster Linie zur Kur oder zum Entspannen hierher. Und wenn es festliche Anlässe gab, so fanden diese im großen Speisesaal im Erdgeschoss  statt. Der alte Partyraum diente mittlerweile als Abstellkammer des Hotels. Der Raum war recht groß, aber alles, was nirgendwo anders untergebracht werden konnte, fand seinen Weg dorthin.

“In den alten Partyraum? Und ihr ganzes Werkzeug?”

“Das bringen sie mir dann noch. Hoffe ich jedenfalls. Und übernachten werde ich wohl in meiner Wohnung im Dorf. Aber sagt mal, was sind das für Leute? Was wollen die hier?”

Pepe und Herr Sponholz zuckten fast gleichzeitig mit den Schultern.

Doch Pepe schien entschlossen:

“Bodo, ich garantiere ihnen, das kriegen wir raus! Ich werde der Sache nachgehen. Ich weiss noch nicht wie, aber ich bin mir sicher, dass wir bald mehr wissen werden!”


Kapitel 9

Es war bereits fast drei Uhr nachts. Pepe hatte noch kein Auge zugetan. Er lag schon seit Stunden wach in seinem Bett in der Kammer auf dem Dachboden. Er wusste gar nicht so genau, was ihn mehr bewegte: Die eigenartigen Vorkommnisse des gestrigen Tages, oder das, was er in dem Buch gelesen hatte, welches Herr Sponholz ihm gegeben hatte. Das Neue Testament hatte ihn nicht mehr losgelassen. Er hatte gleich das ganze Markusevangelium verschlungen, denn es war so schön kurz und prägnant und es beeindruckte ihn tief. Er wunderte sich darüber, dass er darüber die ganzen anderen Geschehnisse völlig vergessen hatte. Außerdem hatte er sich ein paar Fragen zu dem Text auf einem Blatt notiert. Er wollte Herrn Sponholz morgen bitten, sie mit ihm durchzugehen. Doch jetzt, wo er das Buch wieder auf seinen Nachttisch gelegt hatte, kamen ihm wieder die merkwürdigen Besucher in den Sinn, die seit kurzem dieses Hotel bevölkerten. Er ließ nochmals den vergangenen Tag Revue passieren. Nachdem sie angekommen waren, hatten die Männer ein paar Kisten aus ihren Autos geholt und mit auf ihre Zimmer genommen. Und eine große, schwarze Kiste, die wie ein Sarg aussah hatten sie in den Keller gebracht. Als sie das alles verstaut hatten, holten sie aus ihren Autos weiteres Gepäck, einige Reisetaschen und Aktenkoffer.  Danach geschah erst mal nichts weiter. Zumindest nichts, was von außen sichtbar gewesen wäre. Die ganzen Männer waren dann den ganzen Tag über zusammen mit Frau Ludwig im Keller gewesen. Hin und wieder tauchte einmal einer der Männer oben auf und ging auf sein Zimmer. Nach kurzer Zeit kehrte er dann mit einem Aktenkoffer in der Hand den Keller zurück. Keiner der Männer sprach ein Wort, zumindest nicht mit ihm oder Herrn Sponholz. Aus dem Keller konnte man so gut wie nichts hören. Die Türen waren verschlossen und Pepe wagte es nicht, die Kellertreppen hinunterzugehen, um an der Türe zu lauschen. Wenn er dabei erwischt worden wäre, hätte er sich großen Ärger eingehandelt. Erst am Abend kamen die Männer und Frau Ludwig wieder nach oben und begaben sich auf ihre Zimmer. Auch Frau Ludwig blieb im Hotel. Sie hatte sich in einem der Zimmer im ersten Stock einquartiert. Nur zu gerne hätte Pepe gewusst, was dort im Keller vor sich ging. Und plötzlich bekam er eine Idee: Warum nicht einfach nachsehen? War er verrückt geworden? Nein, das konnte er nicht riskieren. Oder doch? Pepe dachte angestrengt nach. Es war mitten in der Nacht und stockduster. Keiner würde ihn sehen. Und er war ungemein gespannt, was hier vor sich ging. Er musste es einfach herausbekommen. Bevor er noch groß über das Risiko nachdenken konnte, war er bereits aufgestanden und stand startbereit im Zimmer. Er beschloss, den Schlafanzug und seine Socken anzubehalten, damit er im Notfall immer noch so tun konnte, als hätte er im Schlaf gewandelt. Eine Taschenlampe hatte er auch. Es konnte also losgehen! Äusserst leise öffnete er die Tür zu seiner Kammer. Erst schaute er links und rechts, ob jemand auf dem Gang zu sehen war. Erst dann schaltete er die Taschenlampe ein. Es drang so gut wie kein Licht von draussen hinein, denn es schien kein Mond und die Lichter des Hotels wurden ab Mitternacht abgeschaltet. Leise begab er sich auf den Korridor. Vom Dachboden führte eine Wendeltreppe hinab in den dritten Stock. Vorsichtig ging er sie hinunter. Er stand nun auf dem Flur und musste den Gang zwischen den Gästezimmern hindurch gehen bis zur Treppe, die am Ende des Ganges ganz nach unten führte. Es waren einige Gäste hier untergebracht. Inständig hoffte er, dass um diese Zeit keiner von ihnen sein Zimmer verließ. Doch er hatte Glück. Problemlos erreichte er die Treppe, die er nun einfach bis nach unten gehen musste. Nachdem er fast die erste Etage erreicht hatte, schaltete er die Taschenlampe wieder aus. Denn jetzt kam er in den gefährlichsten Bereich seiner kleinen Reise. In diesem Stockwerk waren die finsteren Besucher untergebracht. Er gab sich die größte Mühe keine Geräusche von sich zu geben. Er tastete sich an dem Treppengeländer langsam nach unten. Als er   ganz auf der ersten Etage angekommen war, blieb er einen Moment stehen. Er blickte in den langen, dunklen Gang. Nichts war zu sehen. Dann drehte er den Kopf und horchte in den Flur. Es war auch nichts zu hören. Doch jetzt, wo sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, dass aus einem der hinteren Zimmer Licht drang. Es war kein sehr helles Licht, vielleicht eine Nachttischlampe. Aber dennoch: Einer der Besucher schien noch wach zu sein. Sollte ihn das zum Rückzug bewegen? Pepe entschied sich aus dem Bauch heraus dafür weiterzugehen. Doch ihm war äusserst mulmig dabei zumute. Wenn man ihn hier erwischte, würde er in arge Erklärungsnot kommen. Aber was soll’s? Er ging weiter. Die Taschenlampe immer noch aus, tastete er sich weiter an dem Treppengeländer entlang in das Erdgeschoss. Als er ankam, konnte er links schemenhaft die Umrisse der Rezeption erkennen. So im Dunkeln hatte er sie noch nie betrachtet. Sie wirkte jetzt etwas unheimlich, viel größer als wenn man sie im Hellen sah. Der Computermonitor hob sich deutlich von dem Rest des Tisches ab. Pepe sah, dass ein kleines, grünes Lämpchen an dem Gerät blinkte. Aber deswegen war er nicht hier. Er wandte sich nach rechts. Im hinteren Teil der Eingangshalle befand sich die Kellertreppe. Da er sich nun an keinem Geländer mehr orientieren konnte, schaltete er seine Taschenlampe wieder ein. Bis hierher war alles gut gegangen. Jetzt waren es nur noch ein paar Schritte. Jetzt wo er wieder sehen konnte, ging er zügig in Richtung Kellertreppe. Der marmorne Bodenbelag der Eingangshalle ermöglichte es ihm glücklicherweise sich  völlig geräuschlos zu bewegen. Die letzten Meter zur Treppe lief er fast. Nun war er da. Er stand oben an der Treppe und leuchtete mit seiner Lampe nach unten und sah die geschlossene Haupteingangstüre zum Kellerbereich. Vorsichtshalber machte er die Lampe wieder aus und tastete sich die Stufen ganz nach unten. Als er angekommen war, legte er sein Ohr an die Türe. Er lauschte angestrengt, ob er etwas hören konnte - doch nichts. Was war, wenn einer der Männer unten geblieben war? Es waren so viele und sie trugen alle fast die gleiche Kleidung, so daß es durchaus sein konnte, dass er einen übersehen hatte. Erneut presste er sein Ohr an die massive Tür und lauschte. Es war nichts zu hören. Er war jetzt schon so weit gekommen. Nun musste er es auch vollenden. Jetzt begann er auch noch leicht zu schwitzen. Pepe legte die Taschenlampe neben sich auf den Boden. Er wollte zum Öffnen der Tür beide Hände frei haben. Seine linke Hand legte er auf die Türe und mit der rechten drückte er langsam die Klinke nach unten. Dann öffnete er vorsichtig die Tür. Er nahm die Lampe wieder an sich und huschte schnell in den Keller. Großer Gott, hier war es stockduster. Man konnte die eigene Hand nicht vor Augen sehen, er schaltete die Lampe daher wieder ein. Vorher vergewisserte er sich nochmals, ob nichts zu hören war. Aber er war sich nun sicher - hier unten war niemand außer ihm. Er schloss die Türe hinter sich, damit das Licht seiner Lampe nicht nach außen dringen konnte. Er konnte nun  die drei Gänge erkennen, die es hier gab. An jedem Ende befand sich eine Tür. Der linke Gang führte zur Wäscherei. Diese war nicht von besonderem Interesse für ihn. Auch der mittlere Gang, der in den Weinkeller führte, war im Moment nicht wichtig. Doch nach rechts ging es in den großen weiten Teil des Kellers. Die Türe am Ende dieses langen Ganges führte zunächst zur Werkstatt von Bodo Springer. Doch von da ab, verzweigte  sich der ganze Keller. Es gab etliche Räume und Gänge dort. Pepe kannte, mal abgesehen von der Werkstatt, nur die Heizungsräume, die sich direkt neben Bodo Springers Reich befanden. Von den hinteren Räumen wusste er nur vom Hörensagen. Was sich dort wohl alles befand? Natürlich hatte er auch von diesen Gerüchten gehört. Ein Geheimgang, der an eine weit draussen liegende Stelle führen sollte, ein in den Gemäuern versteckter Schatz und viele andere Dinge, die man sich im Dorf erzählte. Doch bislang vertraute er in diesem Punkt der Ansicht von Siegmar Sponholz, der keinen Hehl daraus machte, dass er diese Gerüchte für ein reines Phantasieprodukt von Dorfeinwohnern hielt, die ansonsten mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wussten und auch dann und wann ein wenig zu tief ins Glas schauten. Herr Sponholz musste es schließlich wissen. Doch inzwischen war sich Pepe nicht mehr so sicher, ob es wirklich nur Gerüchte waren. Sein kleiner Abenteuer hier unten regte seine Phantasie an. Tagsüber mochte man ja anderer Meinung sein, aber jetzt war Nacht. Er stand innerhalb eines weit verzweigten Kellergewölbes und konnte sich nun alles mögliche vorstellen. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn. Außerdem merkte er, wie ihm langsam kalt wurde. Doch seine Neugierde war stärker. Er ging in den rechten Gang. Als er die Tür erreichte, lauschte er zunächst wieder. Doch alles war wie gehabt. Pepe überlegte kurz, er musste sich jetzt ziemlich genau unterhalb der Rezeption befinden. Er drückte vorsichtig die Klinke herunter. Doch die Tür war zu! Er zog sie an, er drückte sie, doch es half nichts: Die Tür war zugeschlossen. So ein Ärger! Daran hatte er natürlich überhaupt nicht gedacht. Bodo Springer schloss die Türe niemals ab. Aber der war ja hier auch nicht mehr verantwortlich. Zudem hatte die Türe kein Schlüsselloch, durch das man hätte hineinsehen können. Pepe war enttäuscht und ärgerte sich. Schnell untersuchte er die beiden anderen Türen. Sie waren ebenso verschlossen. Er kam hier nicht weiter. Zu allem Überdruss verstärkte sich seine Neugierde dadurch nur noch weiter. Er war sich jetzt hundertprozentig sicher, dass Frau Ludwig und ihre Freunde hier etwas im Schilde führten. Pepe begab sich wieder zur Haupttüre und öffnete sie leise. Ihm war mittlerweile einfach zu kalt hier geworden. Also schaltete er die Lampe aus ging er wieder nach oben in den ersten Stock. Dort  setzte er sich erstmal auf die oberste Stufe. Er dachte nach, was er nun machen könnte. Soviel er wusste, war dies die einzige Möglichkeit in den Keller zu gelangen. Und wer mochte alles einen Schlüssel haben? Natürlich Frau Ludwig. Vielleicht auch Bodo Springer? Da die Tür ansonsten nie verschlossen war, war er sich da nicht sicher. Außerdem war Bodo gar nicht im Hause. Und Herr Sponholz? Das wäre möglich. Pepe sah hinüber zu der Rezeption, die er in der Dunkelheit nur verschwommen wahrnahm. Er schaute eine Weile hin und dachte nach. Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Warum hatte er nicht gleich daran gedacht? Sofort stand er auf und begab sich zur Rezeption. Jetzt war er wieder voll bei der Sache. Sein Puls ging schneller. Er hatte vielleicht einen Weg gefunden, in die Werkstatt zu gelangen: Der Lastenaufzug!

Normalerweise benutzte Herr Sponholz ihn, um reparaturbedürftige Dinge zu Bodo Springer in die Werkstatt zu schicken. Doch der Aufzug könnte groß genug sein, auch einen kleinen Menschen zu transportieren. Und genau das wollte Pepe herausfinden!


Kapitel 10

Aufgeregt betrat Pepe die Rezeption. Etwa einen Meter hinter dem Arbeitsbereich von Herrn Sponholz befand sich der in der Wand eingelassene Lastenaufzug. Pepe beleuchtete ihn mit seiner Taschenlampe. Von außen schien der Aufzug, der sich etwa auf Augenhöhe befand, groß genug zu sein, um sich so gerade eben hineinzuzwängen. Früher hatte er sich ihn nie genauer angesehen, wozu auch? Ein oder zwei Mal war er dabei, als Herr Sponholz die Tür des Aufzuges öffnete, einen Gegenstand hineinlegte und dann einen der beiden Knöpfe drückte, die sich an der Gerätefront befanden. Er konnte sich noch erinnern, dass die Last sich dann zügig nach unten bewegte, ohne dass die Tür zuvor wieder verschlossen werden musste. Es handelte sich offensichtlich um kein sehr modernes Gerät, aber das konnte er sich im Moment nicht aussuchen. Er hoffte, dass die Tür sich geräuschlos öffnen ließ. Behutsam versuchte er es. Doch irgendein Widerstand schnalzte zurück als sie aufging. Pepe bekam einen Riesenschreck. Zu allem Unglück verstärkte die  Akustik der Eingangshalle das Geräusch erheblich. Hoffentlich hatte ihn niemand gehört! Pepe machte sofort die Lampe aus und horchte in die Dunkelheit. Bei dieser Stille müsste er es in jedem Fall hören, wenn sich oben eine der Türen öffnete. Doch er konnte keinen Laut vernehmen. Wenigstens war jetzt der Zugang zu dem Aufzug frei. Pepe wartete noch einen Augenblick, dann schaltete er die Lampe wieder ein und leuchtete in das Innere des Aufzuges. Er war ungefähr so groß, wie er sich ihn vorgestellt hatte. Mit ein wenig Mühe müsste er es eigentlich schaffen. Doch würde der Aufzug sein Gewicht tragen? Er schaute, ob er einen Aufkleber mit einer maximalen Gewichtsangabe entdecken konnte, doch es gab keinen. Er legte die Taschenlampe in eine Ecke des Aufzuges und drückte den Boden des Aufzuges mit beiden Händen nach unten, um die Belastbarkeit zu testen. Er schien sehr stabil zu sein. Pepe verstärkte seinen Druck noch, indem er sich nun mit dem ganzen Körpergewicht abstützte. Doch der Aufzug blieb ruhig stehen. Er konnte es wagen! Er nahm sich einen Stuhl und rückte ihn direkt vor den Aufzug. Dann stellte er sich auf den Stuhl und stieg mit den Beinen voraus in den Aufzug ein. Er musste sich so tief ducken, wie er konnte, um auch den Rest seines Körpers in den Fahrstuhl zu bekommen. Mit angezogenen Beinen kauerte er nun in dem Gerät. Plötzlich überkamen ihn heftige Angstgefühle. War es das wirklich wert? Er ging ein unglaubliches Risiko ein. Er dachte lieber nicht darüber nach, was alles passieren konnte. Er konnte seinen Job verlieren. Mindestens. Andererseits, was würde passieren, wenn er diesen unheimlichen Besuchern nicht auf die Schliche kommen würde?  Und erneut siegte seine Neugierde über den Verstand. Die Würfel waren gefallen. Jetzt musste er nur noch den richtigen Knopf drücken und es konnte losgehen. Er konnte die Gerätefront mit der einen Hand gut erreichen. Logischerweise musste er den unteren Knopf drücken, um nach unten zu kommen. Er probierte es aus. Und tatsächlich! Der Lastenaufzug bewegte sich mit ihm etwas holprig, aber  schnurgerade nach unten. Aber was war das für ein Lärm? Pepe glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Der ganze Mechanismus gab einen ächzenden, schleifenden Laut von sich, der während der Fahrt eher noch lauter wurde! Das konnte man unmöglich überhören! Das musste an seinem Gewicht liegen. Doch Pepe war nun nicht mehr in der Lage klare Gedanken zu fassen. Die Sekunden in dem Aufzug kamen ihm wie Stunden vor. Doch endlich! Der Lift setzte unten auf. Er sprang geradezu aus dem Aufzug. Um Himmels Willen, wo war nur die Taschenlampe? Noch im Aufzug! Schnell nahm er sie an sich. Plötzlich hörte er durch den Schacht, dass oben Türen aufgingen. Außerdem drang Licht durch den Schacht. Nun geriet Pepe in Panik. Er machte  die Taschenlampe an und warf einen flüchtigen Blick in den Raum. Er musste so schnell wie möglich wieder raus hier. Und dann, er wusste selber nicht genau warum, richtete er ein Stoßgebet in Richtung Himmel: "Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann hilf mir hier raus!”

Aus dem Augenwinkel sah er irgendein Blatt Papier auf dem Tisch im Keller liegen. Instinktiv griff er es sich. Dann kroch er so schnell er konnte wieder in den Aufzug. Mit einer Hand drückte er panikartig auf die Knöpfe an der Front. Und tatsächlich setzte sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung. Glücklicherweise war der Aufzug bei der Hochfahrt deutlich leiser als beim Herunterfahren. Doch die Zeit kam ihm auch jetzt wie eine halbe Ewigkeit vor. Die Fahrt schien kaum ein Ende zu nehmen. Endlich! Oben angekommen purzelte er beinahe aus dem Aufzug und landete auf allen Vieren. Er schloss noch schnell die Aufzugtür und dann rannte er nur noch. Er hatte keine Ahnung wohin er gehen konnte. Im oberen Flur brannte bereits Licht und er hörte eine Männerstimme. Schnell lief er in die Küche. Am anderen Ende hatte auch Herr Sponholz sein Quartier! Ihm fiel nichts besseres ein, als dorthin zu rennen. Als er angekommen war, riss er die Tür zu Herrn Sponholz’ Zimmer auf und schlug sie hinter sich zu. Am ganzen Leibe zitternd stand er nun mit dem Rücken an der Tür und war nicht mehr dazu imstande, klare Gedanken zu fassen. Du liebes Bisschen! Die Taschenlampe war ja noch an! Hastig machte er sie aus. Doch es war nur einen kurzen Moment lang dunkel, denn plötzlich ging die Nachttischlampe an.

Herr Sponholz wusste nicht so recht, ob er wachte oder träumte. Verwundert rieb er sich die Augen. Träumte er? Pepe, der Hotelpage, stand mit schreckverzerrter Miene im Schlafanzug in seinem Zimmer und zitterte wie Espenlaub. Er zwickte sich. Der Schmerz verriet ihm, dass es wahr sein musste.

"Pepe?!”, rief er erstaunt, "Pepe, was machst du denn hier?!”

Pepe war nur noch in der Lage zu stammeln.

"Herr, Herr Spon, Herr Sponholz, schnell, schauen sie mal. Ich, ich glaube, sie sie kommen gleich.”

Herr Sponholz richtete sich in seinem Bett auf.

"Was sagst du da? Wer kommt? Hattest du vielleicht einen Alptraum?”

"Nei, Nein, ich glaube, ich habe da, ich glaube ich habe da was dummes gemacht. Ich war mit dem Lastenaufzug im Keller.”

"Du warst im Keller? Im Lastenaufzug? Großer Gott, du unnützer Lausbub. Und du wurdest erwischt?”

Pepe wurde nun ein klein wenig ruhiger.

"Nein, aber der Aufzug hat so einen Lärm gemacht und dann gingen oben die Lichter an und da bin ich dann schnell weggelaufen.”

Herr Sponholz schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

"Pepe! Du Wahnsinnsknabe! Was hast du da getan? Schnell verstecke dich unter meinem Bett. Ich werde mal nachsehen, was da los ist. Wir unterhalten uns später über die Sache!”

Pepe wusste nicht, was er lieber getan hätte. Schnell huschte er unter das Bett von Herrn Sponholz. Dieser war inzwischen aufgestanden und zog sich seinen Morgenmantel an. Dann verließ er den Raum. Draussen sah er schon, dass die Lichter im Eingangsbereich angegangen waren. Stimmen kamen näher. Er ging durch die Küche. Da kamen  ihm auch bereits zwei Personen entgegen. Die hintere Person kannte er nur zu gut, es war Frau Ludwig. Sie hatte ein Nachthemd an, über das sie in der Eile einen Pullover gestreift hatte. Die andere Person war der kleine, dicke Mann, Mister Gundolf. Herr Sponholz wunderte sich, dass dieser um diese Zeit noch seinen Anzug trug. Mister Gundolf erblickte Herrn Sponholz zuerst. Zügig kam er auf ihn zu, während Frau Ludwig hinten stehen blieb. Wieder hatte der kleine, dicke Mann sein Taschentuch in der Hand, mit dem er sich beim Gehen den Schweiß von der Stirn wischte.

"Mister, Hallo Mister”, sagte er kühl, "wir haben Geräusche gehört. Was ist los?”

Herr Sponholz sah, wie Frau Ludwig das Geschehen aus sicherer Entfernung verfolgte. Vielleicht wollte sie ihm nicht im Nachthemd unter die Augen treten? Jedenfalls wusste Herr Sponholz nicht, was er sagen sollte. Er versuchte Zeit zu gewinnen.

"Guten Morgen, Mister Gundolf, es besteht kein Anlass zur Sorge. Dürfte ich wohl eben die Direktorin sprechen?”

Mister Gundolf sah Herrn Sponholz argwöhnisch an. Diese Antwort schien ihm nicht besonders zu gefallen. Doch er konnte wohl schlecht dem Rezeptionschef eine Unterredung mit seiner Chefin untersagen. Missmutig drehte sich Mister Gundolf um und blickte zu Frau Ludwig. Diese sah, dass es um sie ging und kam ein paar Schritte näher. Immer noch einige Meter entfernt schaute sie Herrn Sponholz fragend an.

"Herr Sponholz, entschuldigen sie mein Erscheinungsbild, aber könnten sie uns verraten, was hier los ist?”

Herr Sponholz blieb an Ort und Stelle stehen. Über Mister Gundolfs Kopf   hinweg rief er seiner Chefin zu: "Guten Morgen, Frau Direktorin. Ich muss mich für den Lärm entschuldigen. Ich konnte die Ursache inzwischen beheben. Den Rest der Nacht können wir alle störungsfrei verleben.”

Mister Gundolf schaltete sich wieder in das Geschehen ein. Man sah ihm an, dass er sich zusammennehmen musste, um nicht die Beherrschung zu verlieren.

"Was für eine Ursache?”, blaffte er Herrn Sponholz an.

"Nichts besonderes Mister Gundolf. Nur eine Katze. Sie muss sich hier eingeschlichen haben. Ich konnte sie einfangen und hinauswerfen.”

Herr Sponholz hoffte inständig, dass er ob dieser Notlüge nicht rot im Gesicht werden würde.

"Eine Katze?”, knurrte Mister Gundolf, "Und was hat die bitte schön gemacht?”

"Nun, sie ist wohl im Eingangsbereich herumgesprungen. Vielleicht wollte sie eine Maus fangen. Sie muss dabei wohl an den Knopf für den Lastenaufzug gekommen sein.”

"Eine Maus fangen, ja?”. Mister Gundolf schien kein Wort davon zu glauben. Doch er gab sich für den Moment mit dieser Antwort zufrieden. Ohne weiter etwas zu sagen, ging er zurück zu Frau Ludwig. Die beiden tauschten ein paar Worte aus, doch Herr Sponholz konnte nichts davon verstehen. Nach einer kurzen Weile rief ihm Frau Ludwig zu: "Herr Sponholz, ich möchte es bitte nicht noch mal erleben, dass eine Katze in dieses Haus hineinkommt. Sorgen sie bitte dafür. Damit wäre unsere kleine Zusammenkunft hier ja erledigt. Noch eine gute Nacht.”

Herr Sponholz fiel ein Stein vom Herzen.

"Gute Nacht, Frau Ludwig, Gute Nacht Mister Gundolf.”

Er ging wieder zu seinem Zimmer. Er blickte noch einmal zurück und sah, wie nun auch das Licht in der Eingangshalle ausging. Die Lage schien sich beruhigt zu haben. Flüsternd bat er seinen Herrn im Gebet um Vergebung dafür, dass er eben nicht die Wahrheit gesagt hatte. Er wusste, dass Gott die aufrichtige Bitte um Vergebung erhören würde. Doch Pepe, der Bursche würde sich jetzt etwas anzuhören haben!

Kapitel 11

Pepe lag noch immer unter dem Bett. Als sich die Türe öffnete zuckte er kurz zusammen und hoffte inständig, dass es niemand anderes als Herr Sponholz war. Doch dann hörte er die Worte: “Ich bin’s. Du kannst jetzt wieder vorkommen”, was ihn ungemein beruhigte. Langsam kroch er wieder unter dem Bett hervor. Herr Sponholz stand im Zimmer und blickte ihn streng an. Doch Pepe beschäftigte im Moment nur eine Frage:

“Und? Was war los? Sind sie wieder weg?”

Herr Sponholz’ Gesichtsausdruck veränderte sich in keinster Weise.

“Ja, sie sind weg. Du hast noch mal Glück gehabt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob du dieses Glück verdient hast. Außerdem musste ich deinetwegen etwas flunkern. Ich hoffe, du hast wenigstens eine gute Erklärung für die ganze Sache.”

Pepe fiel ein Stein vom Herzen. Nun musste auch er sich den Schweiss von der Stirne wischen. Er atmete tief durch. Dann war ja doch noch alles gutgegangen. Langsam aber sicher fiel die Anspannung von ihm ab. Herr Sponholz hatte sich mittlerweile auf einen Stuhl gesetzt und auch Pepe setzte sich auf das Bett von Herrn Sponholz. Als er sich einigermaßen gefangen hatte, bemerkte er, dass Herr Sponholz ihn noch immer ernst ansah.

“Danke Herr Sponholz!”, sprudelte es aus ihm heraus, “Danke, dass sie mich gerettet haben. Mann, ich hatte so eine Angst. Und es tut mir leid, was passiert ist. Wirklich, es tut mir leid. Nun schauen sie mich doch nicht so streng an!”

Herr Sponholz spürte, dass Pepe es ernst meinte. Langsam entspannten sich seine Gesichtszüge.

“Gut, Pepe. Wir machen jetzt folgendes. Du wirst jetzt wieder auf dein Zimmer gehen. Hier kannst du nicht bleiben. Ich begleite dich noch bis zur Treppe und dann begibst du dich so leise wie möglich zum Dachboden. Und morgen wirst du mir dann alles erzählen, einverstanden?”

Pepe war sogar sehr damit einverstanden: “OK, Herr Sponholz. Vielen Dank!”

“Gut, dann nimm dir jetzt die Lampe und dann lass’ uns gehen.”

Pepe kniete sich vor das Bett und zog die Taschenlampe hervor. Du lieber Himmel! Da war ja noch dieses Blatt Papier! Er wollte jetzt auf keinen Fall für weiteren Gesprächsstoff sorgen, also entschied er sich, das Blatt zunächst dort liegen zu lassen. Morgen würde er sich dann darum kümmern.

Wie versprochen begleitete Herr Sponholz den kleinen Ausreisser bis zur Treppe, wo sie sich nochmals vergewisserten, dass die Luft rein war. Pepe gelangte schließlich unbemerkt zurück in sein Zimmer. Geschafft und müde fiel er in sein Bett und innerhalb kürzester Zeit war er eingeschlafen. Kopfschüttelnd stand Herr Sponholz noch eine Weile unten an der Treppe. Er hatte gar nicht bedacht, dass er nun im Dunkeln stand, da Pepe mit seiner Lampe nach oben gegangen war. Er schaltete daher ein kleines Licht an der Rezeption an und inspizierte den Lastenaufzug. Sein Kopfschütteln verstärkte sich dadurch nur noch. Pepe hätte sich bei seinem Husarenritt alle Knochen brechen können. Dieser dumme Junge. Trotzdem fragte er sich, was Pepe dort unten wohl entdeckt haben könnte. Er musste sich selbst zugestehen, dass ihm die Sache nun auch nicht mehr ganz geheuer vorkam. Die Begegnung mit Mister Gundolf gerade eben veranlasste ihn auch nicht unbedingt dazu, seine Bedenken zu verringern. Im Gegenteil - er spürte eine deutliche Beklommenheit, als er diesem kleinen, dicken Mann gegenüberstand. Das Ganze war mehr als ungewöhnlich. Er konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Besucher irgendwas zu verbergen hatten, wozu sonst diese Aufgeregtheit? Und welche Rolle spielte Frau Ludwig in diesem Spiel? Hatte sie hier die Fäden in der Hand, oder die Besucher? Im Moment fand er keine Antworten auf seine Fragen. Und da er noch ein wenig schlafen wollte, rückte er den Stuhl an der Rezeption zurecht, schaltete das Licht aus und verschwand in der Dunkelheit.

Kapitel 12

Der nächste Morgen begann mit einer Überraschung.  Als Herr Sponholz wie gewohnt um sechs Uhr seinen Arbeitstag beginnen wollte, war schon jemand anderes vor ihm da. Zwei Männer aus den Reihen der Besucher standen in der Rezeption und machten sich mit ihrem Werkzeug an dem Lastenaufzug zu schaffen. Als er auch hinzutrat beachteten sie ihn kaum und werkelten in aller Ruhe weiter. Sprachlos beobachtete Herr Sponholz das Geschehen. Offenbar montierten sie eine Vorrichtung für ein Vorhängeschloss an die Aufzugstür. Sein Verdacht wurde kurz darauf bestätigt, als einer der Männer ein entsprechendes Schloss aus seiner Hosentasche zog und den Aufzug damit verriegelte. Die Männer kontrollierten, ob das Schloss auch fest saß. Ihrem zufriedenen Gesichtsausdruck entnahm Herr Sponholz, dass dies der Fall war. Als die Männer sich zu ihm umdrehten, wollte er etwas sagen, aber es gelang ihm nicht, irgendein Wort über die Lippen zu bekommen. Stattdessen stellte sich einer der beiden direkt vor ihn und sah ihn auf eine Art an, die Herrn Sponholz erschaudern ließ. Nachdem der Mann ihm eine Weile starr in die Augen gesehen hatte, sagte er in akzentfreiem deutsch: “Nur zur Sicherheit, Mister. Machen sie nur ihren Job, wir machen unseren. Verstanden?”

In seiner Beklemmung schaffte Herr Sponholz nicht mehr als ein zögerndes Kopfnicken zustandezubekommen. Darauf löste der Mann sich wieder von ihm, nicht ohne ihm durch seinen Blick nochmals die Ernsthaftigkeit seines Anliegens zu demonstrieren und verschwand mit seinem Kollegen in den Keller. Jetzt waren sämtliche Zweifel für ihn ausgeräumt: Hier ging etwas Eigenartiges vor sich, soviel stand fest. Bevor er sich näher mit dem Gedanken beschäftigen wollte, tat er erstmal, was er jeden Morgen tat. Er schloss die schwere Eingangstüre auf und öffnete das Hotel. Diesmal drangen keine Sonnenstrahlen auf sein Gesicht, dazu war der Himmel viel zu bewölkt.

In der Nacht musste es ein wenig Regen gegeben haben, denn es hatten sich kleinere Pfützen in dem Kies rund um den Weg zur Eingangstüre gebildet.   Er trat ein paar Schritte vor das Haus und blickte in die Gegend. An und für sich war da nichts ungewöhnliches, doch unübersehbar standen sie dort auf dem Hotelparkplatz: sechs schwarze Limousinen, perfekt in einer Reihe eingeparkt mit ein paar perlenden Regentropfen auf den Windschutzscheiben. Herr Sponholz begab sich auf den Parkplatz. Er wollte die Wagen einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Die verspiegelten Scheiben machten es ihm unmöglich, in das Innere der Autos zu sehen. Langsam ging er um die Wagen herum. Doch er konnte nichts Verdächtiges erkennen. Die Autos hatten alle Münchener Kennzeichen, was entweder bedeuten konnte, dass es sich um Mietwagen handelte oder um Firmenwagen einer deutschen Niederlassung. Er schaute sich die Kennzeichen genauer an, konnte aber keinen Hinweis auf eine Autovermietung entdecken. Er ging nochmals langsam um die Autos herum. Und fast hätte er es nicht bemerkt, aber da lag doch etwas in dem Kies unter einem der Autos! Er trat einen kleinen Schritt zurück. Direkt hinter einem Vorderreifen, lag etwas ganz unscheinbar auf dem Boden. Herr Sponholz bückte sich und griff nach dem leicht mit Kies bedeckten Gegenstand. Als er ihn aufgehoben hatte, sah er, dass es sich um eine Visitenkarte handelte. Sie war  feucht und schmutzig. Einer der Besucher musste sie wohl beim Aussteigen verloren haben. Vorsichtig entfernte Herr Sponholz den Dreck von der Karte. Die Schrift war nicht mehr gut leserlich, doch das meiste konnte er so eben entziffern. Dort stand: “SULLIVAN - Church of Eternity, San Diego, CA 92101”.

Sullivan? Herr Sponholz grübelte einen Moment lang, aber mit diesem Namen konnte er nichts anfangen. Aus San Diego kamen sie also, einer der größten Städte in San Francisco. Und von einer Kirche waren sie auch? Herr Sponholz wusste, dass sich in Amerika so gut wie jede Gruppe mit mehr als zwei Personen als Kirche bezeichnen konnte, das musste also nicht viel heissen. Doch wenigstens hatte er jetzt einen Anhaltspunkt. Zufrieden begab er sich wieder in das Hotel. Er würde gleich Pepe wecken. Vielleicht ergaben sich in Zusammenhang mit dessen Erlebnis gestern Nacht weitere Erkenntnisse. Diesmal musste er es besonders lange klingeln lassen. Doch schließlich meldete sich ein müder Pepe und versprach in Kürze zur Arbeit zu erscheinen. Herr Sponholz wusste natürlich, dass Pepe etwas wenig Schlaf gehabt hatte, aber es war wichtig, dass er heute nicht zu spät kam, um keinen Verdacht zu wecken.

Plötzlich schreckte Herr Sponholz auf. Was war denn das? Aus dem Keller drangen eigenartige, nicht zu überhörende Geräusche. Da war in jedem Fall irgendeine Maschine am Werk. Er war sich nicht ganz sicher, wo genau aus dem Keller der Krach kam, doch es klang recht weit entfernt. Dann hörte der Lärm kurz auf, doch wenige Sekunden später fing er wieder an. Das klang wie eine Mischung aus Presslufthammer und überdimensionaler Bohrmaschine. Was ging dort nur vor sich? Herr Sponholz ging in Richtung Kellertreppe. Vielleicht konnte er so besser lokalisieren, wo der Lärm herkam. Als er die Treppe erreichte traf ihn fast der Schlag. Er sah, dass sich am unteren Ende einer der Männer postiert hatte! Er trug wie alle anderen einen dunklen Anzug und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.  Grimmig blickte ihn der Mann von unten an. Herr Sponholz versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber er war sich nicht sicher, ob es ihm gelang. Schnell machte er kehrt und ging an seinen Arbeitsplatz zurück.

“Jetzt haben sie auch noch einen Wachhund dort platziert”, schoss es ihm durch den Kopf. Der verriegelte Lastenaufzug, ein bewachter Kellerzugang - es war nicht zu übersehen, dass die Herrschaften es vorzogen, unter sich zu bleiben.

Unterdessen dauerte der Lärm an. Monoton wechselten sich Phasen der Stille mit lauten Phasen ab. Herr Sponholz fragte sich, was es dort unten weltbewegendes zu Entdecken gab. Hoffentlich glaubten sie nicht an diese Ammenmärchen, die man sich im Dorf erzählte. Oder war doch etwas dran? Herr Sponholz hielt das für ausgeschlossen. Er wunderte sich ohnehin, dass  noch niemand auf die Idee gekommen war, das Gerücht von einem Hotelgespenst in die Welt zu setzen. Denn die Leute kamen manchmal auf die abenteuerlichsten Ideen. Andererseits war da dieser Lärm. Irgendwas mussten sie also dort unten vermuten. Oder war es doch so, wie Frau Ludwig sagte und es fanden nur ein paar aufwendige Reparaturmaßnahmen statt? Nein, auch das konnte er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu ausschließen. Dazu gab es zu viele verdächtige Begleitumstände. Nun gut, Pepe würde ja gleich kommen, vielleicht konnte er ja schon mehr Licht ins Dunkel bringen.

Doch bevor Pepe kam, erschien Bodo Springer auf der Bildfläche. Er hatte die Nacht in seiner Wohnung im Dorf verbracht und hatte wohl solch eine Sehnsucht nach seiner Arbeit, dass er keine Minute des neu angebrochenen Arbeitstages versäumen wollte. Als er hineinkam begann gerade wieder eine der Phasen des Lärms. Auf der Stelle blieb er stehen und sah Herrn Sponholz ungläubig an.

“Was in aller Welt ist das für ein Krach?”, fragte er ihn, nachdem er eine Weile angestrengt gelauscht hatte, um die Geräusche zu identifizieren.

“Guten Morgen, Bodo. Vielleicht bauen sie dir in deine Werkstatt einen Swimmingpool”, entgegnete Herr Sponholz lakonisch.

“Ja, den könnte ich gut gebrauchen. Hoffentlich denken sie an das Zehnmeterbrett. Aber Scherz beiseite. Was machen die da unten?”

“Ich hoffe, das werden wir bald erfahren. Pepe war gestern da unten. Vielleicht kann er uns schlauer machen. Aber ich habe auch schon etwas herausgefunden. Hier sieh dir das mal an.”

Herr Sponholz nahm die Visitenkarte, die er in ein Fach unterhalb der Rezeption  gelegt hatte und gab sie Bodo.

“Die habe ich vorhin unter einem der Wagen draussen gefunden. Vermutlich hat sie einer unserer Gäste dort verloren.”

Bodo Springer nahm die Karte und schaute sie sich eingehend an.

“Sullivan - Church of Eternity? Aus San Diego? Von denen habe ich noch nichts gehört. Ist das der Verein, von dem unsere Besucher sind?”

“Das ist anzunehmen, Bodo. Ich habe auch noch nichts von dieser Organisation gehört. Aber es dürfte nicht schwer sein, das herauszufinden. Ach so, bevor ich es vergesse. Wir sollten hier nicht zu laut über diese Sache sprechen. Unten am Kellereingang haben sie eine Wache postiert.”

Sofort merkte Bodo Springer auf.

“Auch das noch. Dann kann ich mir es wohl abschminken, heute wieder in meine Werkstatt zu dürfen. Na ja, ich hatte das sowieso nicht erwartet. Ah, sieh mal wer da kommt.”

Langsam kam eine äusserst schläfrig wirkende Gestalt die Treppe herunter. Es war Pepe. Er wirkte etwas blass und hatte leichte Ringe unter den Augen. Gähnend näherte er sich der Rezeption.

“Morgen, zusammen. Gibt’s hier was umsonst?”, sagte Pepe schleppend.

“Das nicht gerade Pepe”, antwortete Herr Sponholz, “aber wie du hörst, gibt es ein paar Neuigkeiten.”

“Tatsächlich!” Erst jetzt registrierte Pepe den Lärm der von unten kam. “Ich hatte es mir doch gedacht! Hier geht etwas vor sich!”

Das hier etwas vor sich geht, steht wohl nicht mehr so sehr zur Debatte”, antwortete Bodo Springer, “es geht jetzt darum was hier vor sich geht.”

“Da haben sie völlig Recht, Bodo. Das ist genau meine Rede. Dann sind wir also jetzt zu dritt?”, fragte Pepe in die Runde.

Bodo Springer musste nicht lange zögern. “Ich bin dabei. Die haben mich aus meiner Werkstatt geworfen. Und das lasse ich mir nicht gefallen. Was ist mit dir, Siegmar, bist du auch im Team?”

Bodo Springer und Pepe sahen Siegmar Sponholz hoffend an. Dieser zögerte erst einen Moment, doch dann sagt er:

“Na schön. Ich kann mich nicht verweigern. Ich habe zwar noch meine Bedenken, aber es steht fest, dass wir nicht untätig bleiben dürfen. Nur müssen wir mit äusserster Vorsicht vorgehen. Hier an der Rezeption können wir das auf keinen Fall besprechen. Erstens steht vor dem Keller eine Wache und zweitens werden gleich die ersten Gäste kommen. Bis mittag habe ich hier zu tun. Ich schlage vor, dass wir uns um 12 Uhr auf dem Dachboden im Partyraum zum Krisenrat treffen. Ich bitte Frau Schott, mich solange hier zu vertreten. Dann können wir in aller Ruhe über die Sache sprechen. Einverstanden?”

Die beiden anderen nickten entschlossen. Während Siegmar Sponholz an der Rezeption blieb, ging Pepe zusammen mit Bodo Springer nach oben. Pepe war sich nun sicher, dass sie gemeinsam bald das Geheimnis des Hotels Friedensreich lüften würden.

Kapitel 13

Es war viertel vor zwölf. Siegmar Sponholz ordnete noch ein paar Unterlagen und bereitete sich auf das in Kürze stattfindende Krisentreffen vor. Seit etwa zehn Uhr war der Lärm aus dem Keller vorerst verstummt. Kurz zuvor waren Frau Ludwig und Mister Clark an der Rezeption erschienen und hatten sich erkundigt, ob es Beschwerden wegen des Lärmes gegeben habe. Herr Sponholz antwortete ihnen wahrheitsgemäß, dass sich einige Gäste erkundigt hatten, was es mit dem Krach auf sich habe. Er sparte es sich, weitere Fragen zu stellen. Es war klar, dass man ihn ohnehin nur mit ausweichenden Antworten abgespeist hätte. Frau Ludwig  wies ihn schließlich nochmals an, die Gäste so gut es ginge, zu beruhigen. 

Genau wie gestern befanden sich jetzt die meisten der Besucher im Keller. Dann und wann tauchten ein oder zwei von ihnen oben auf, um wohl etwas aus ihren Zimmern zu holen - oder etwas vom Keller in ihre Zimmer zu bringen. Da sie stets ihre Aktenkoffer bei sich trugen, konnte Herr Sponholz das nicht mit letzter Gewissheit sagen. Gegen zehn Uhr sah er jemanden wieder, mit dem er schon letzte Nacht eine zweifelhafte Begegnung gehabt hatte: Mister Gundolf. In der einen Hand hatte er einen Koffer getragen, der etwas größer als die anderen waren und in der anderen sein Taschentuch. Als er an der Rezeption vorbeigekommen war würdigte er Herrn Sponholz eines mehr als argwöhnischen Blickes. Und schon wieder war diese unheimliche Beklommenheit in ihm aufgestiegen. Er war erleichtert, als Mister Gundolf von ihm abließ und im Keller verschwunden war.

Um kurz vor zwölf würde Frau Schott ihn an der Rezeption ablösen. Das war nichts ungewöhnliches. Sie vertrat ihn stets, wenn er selbst eine Pause machte oder frei hatte. Er hielt es für besser, sie im Moment nicht einzuweihen. Es bestand kein Anlass sie noch mehr in Aufregung zu versetzen, als es ohnehin schon der Fall war. Außerdem war es gut, wenn so wenige wie möglich von der Sache wussten. Durch den Vorfall mit dem Lastenaufzug waren die Besucher vorsichtig geworden. Es war besser ihnen keinen weiteren Anlass zu Misstrauen zu geben.

Das Klingeln des Telefons unterbrach ihn bei der Arbeit. Auf dem Display sah er, dass es sich um einen internen Anruf handelte. Er nahm das Gespräch entgegen. Am anderen Ende war Pepe. Er sprach sehr leise, fast flüsternd und man merkte, dass er irgend etwas auf dem Herzen hatte.

“Herr Sponholz, bevor sie hochkommen, wollte ich ihnen noch was sagen.”

Herr Sponholz schwieg und wartete, was Pepe ihm sagen wollte.

“Es ist so, dass ich ... ich meine, als ich gestern im Keller war ... also, was ich  eigentlich sagen wollte ... “

Herr Sponholz nahm den Hörer vom einen Ohr zum anderen und sein Gesichtsausdruck wurde ernster.

“Pepe, na komm, mir kannst du es ruhig sagen. Was ist passiert?”

“Na ja, eigentlich mehrere Sachen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es ist wegen gestern ... ich hatte noch nicht gesagt ... also es ging alles so schnell...”

Herr Sponholz wunderte es, Pepe so verwirrt zu erleben.

“Also nun raus mit der Sprache. Ich werd’ dich schon nicht auffressen.”

”Also gut. Welches möchten sie denn zuerst hören, die gute oder die schlechte Nachricht?”

Herr Sponholz zog die Augenbrauen nach oben.

“Pepe, du hast doch nicht wieder irgendwas ausgeheckt, oder? Aber von mir aus, damit du es endlich rausbekommst, erzähl mir erst die gute Nachricht.”

Herr Sponholz konnte es förmlich hören, dass Pepe am anderen Ende schluckte. Doch einen kurzen Moment später begann er langsam, aber ruhig zu sprechen.

“Schön. Die gute Nachricht ist, dass es Gott geben muss. Als ich gestern im Keller war hatte ich echt Panik wegen dem Lärm, den ich gemacht habe. Und da habe ich das erste richtige Gebet meines Lebens gesprochen. Ich habe zu Gott gesagt, wenn es dich wirklich gibt, dann hol’ mich bitte hier raus. Und das hat er getan. Deswegen glaube ich, dass es Gott wirklich geben muss.”

Herr Sponholz war tief bewegt. Damit hatte er nicht gerechnet. Freude stieg in ihm auf, es bildete sich sogar eine kleine Träne in seinem Auge. Ein breites Lächeln zog sich durch sein Gesicht und er blickte dankbar in Richtung Himmel.

“Aber Pepe, das ist ja eine grossartige Neuigkeit! Das freut mich sehr. Ich bin sicher, das war kein Zufall. Und du hattest Angst mir das zu sagen? Du hättest mir kaum etwas Schöneres sagen können!”

Am anderen Ende fiel Pepe ein Stein vom Herzen.

“Trotzdem wäre da noch die andere Nachricht, Herr Sponholz. Aber das wird sie jetzt auch nicht mehr erschüttern. Gestern nacht im Keller, da habe ich ein Blatt Papier aus der Werkstatt mitgenommen. Das liegt jetzt unter ihrem Bett. Am Besten bringen sie es mit zu unserem Treffen. Also bis dann.”

Schlagartig veränderte sich der Gesichtsausdruck von Herrn Sponholz.

“Du hast was?! Unter meinem Bett? Pepe! Was hast du da getan? ...  Pepe? Hallo? Bist du noch dran?”

Pepe hatte aufgelegt. Seufzend legte Herr Sponholz den Hörer auf die Gabel. Wieder wanderte sein Blick zum Himmel.

“Herr, was hast du nur mit diesem Lausbub vor? Deine Wege sind manchmal unergründlich. Trotzdem danke ich dir dafür, dass du ihm nachgehst.”

Herr Sponholz wusste nicht, ob er nun erfreut oder bekümmert sein sollte. Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich um seinen Gefühlshaushalt zu kümmern. Er musste sofort in sein Zimmer gehen um dieses Blatt zu holen. Ohne zu zögern setzte er sein Vorhaben in die Tat um. Als er sich vor sein Bett kniete, sah er, dass dort tatsächlich ein Blatt Papier lag. Er nahm es und ohne es näher zu betrachten faltete er es, so dass es in seine Hosentasche passte. Schnell ging er wieder zurück zur Rezeption. Er rief den Hausanschluss von Frau Schott.

“Hier Sponholz. Guten Tag, Frau Schott. Ich wäre dann soweit. Würden sie mich ablösen kommen?”

Nachdem er die Zusage erhalten hatte, legte er wieder auf. Er wartete noch einen Moment bis Frau Schott erschienen war und dann begab er sich nach oben. Als er den alten Partyraum betrat, warteten dort bereits Bodo Springer und Pepe, die sich ganz am hinteren Ende auf ein altes Sofa gesetzt hatten. Herr Sponholz setzte sich auf einen freien Sessel dazu. Bevor er etwas sagte, blickte er streng zu Pepe. Diesem sah man das schlechte Gewissen deutlich an. Doch Herr Sponholz verzichtete darauf, ihm jetzt Vorwürfe zu machen. Sie waren aus einem anderen Grund hier. Er eröffnete das Treffen.

“Hallo, meine Herren”, sprach er ernst, “wir sind hier, weil seit gestern eigenartige Dinge in unserem Hotel vor sich gehen. Ich möchte betonen, dass noch rein gar nichts bewiesen ist. Außerdem müssen wir mit grösster Vorsicht vorgehen, damit unsere Besucher und Frau Ludwig keinen Verdacht schöpfen. Ich schlage vor, dass wir zunächst die Lage besprechen und dann sehen, was wir tun können. Bodo, ist dir inzwischen noch irgend etwas aufgefallen?”

Bodo Springer dachte einen Moment lang nach. Schließlich sagte er:

“Im Hotel ist mir nichts aufgefallen, mal abgesehen von diesem Lärm aus dem Keller. Aber ich weiß jetzt, dass dem Dorf nicht entgangen ist, dass wir hier besondere Besucher haben. Als ich gestern abend im Dorflokal war hat mich der Wirt gefragt, ob irgendwelche Staatsgäste bei uns seien. Die Autokolonne ist also nicht unbemerkt bei uns angekommen. Dummerweise hatte ich nicht mit der Frage gerechnet, deshalb habe ich mich wohl etwas verhaspelt. Ich schätze, der Wirt fand das verdächtig. Außerdem haben sich alle gewundert, dass ich nicht im Hotel war. Ich bin dann wieder gegangen, bevor sie mich intensiver ausfragen konnten. Aber du kennst ja das Dorf. Die Gerüchteküche dürfte brodeln.”

“Tja, das hilft uns natürlich auch nicht gerade weiter”, ergriff Herr Sponholz wieder das Wort, “Aber es war gut, dass du ihnen nicht mehr erzählt hast. Und  was unsere Besucher angeht wissen wir jetzt immerhin, mit wem wir es zu tun haben.”

Herr Sponholz holte die Visitenkarte hervor, die er bei den Autos gefunden hatte und legte sie vor sich auf den Tisch.

“Sullivan - church of eternity. Ich bin mir sicher, wenn wir herausbekommen, was das für eine Organisation ist, dann sind wir der Antwort nahe, was die bei uns im Keller machen.”

Pepe, der bisher still zugehört hatte, nahm die Karte und sah sie sich an. Er versuchte sie mit seinen Fingern noch etwas sauberer zu machen und hielt sie mehrfach gegen das Licht. Die anderen beiden sahen ihm gespannt zu. Hatte er etwas entdeckt, was ihnen entgangen war? Pepe hielt sich die Karte nun dicht vor die Augen gerade so, dass er sie noch scharf sehen konnte. Plötzlich blickt er auf und sagte:

“Da scheint noch irgend ein Zeichen drauf zu sein, ein Symbol oder so. Es ist ziemlich verschmutzt und fast abgerieben. Ich weiß nicht genau was es ist, es sieht aus wie ein Dreieck mit etwas darin.”

Bodo Springer griff sich die Karte und sah sie sich ebenfalls genauer an.

“Tatsächlich! Du hast Recht! Es ist kaum mehr zu sehen, aber es ist ein Dreieck, das auf der Spitze steht und es ist noch ein anderes Zeichen darin. Mir ist, als hätte ich das schon mal irgendwo gesehen.”

Nun sah sich auch Herr Sponholz die Karte genau an. Grübelnd legte er sie wieder vor sich auf den Tisch. Irgendwie kam ihm das Symbol auch bekannt vor, aber er wusste nicht woher. Alle drei saßen eine Weile still da, schauten  auf die Karte und dachten nach.

“Sehen wir uns doch mal dieses Blatt an, dass ich im Keller gefunden habe”,  unterbrach Pepe das Schweigen.

“Gefunden?”, Herr Sponholz sah Pepe ermahnend an, “das ist ein vornehmer Ausdruck für das, was du getan hast. Aber ich will jetzt nicht darauf herumreiten. Aber warum nicht. Jetzt wo wir das Blatt schon mal haben, können wir es uns auch ansehen.”

Herr Sponholz zog das gefaltete Blatt aus seiner Hosentasche hervor, öffnete es und legte es ebenfalls neben die Karte auf den Tisch. Gebannt beugten sich alle drei nach vorne und sahen sich das Blatt an.

“Das sieht aus wie ein Plan”, sagte Herr Sponholz, “ein Plan eines Hauses oder eines größeren Gebäudes. Wartet mal...”

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

“Das ist ein Plan unseres Kellergewölbes! Seht hier: Da ist der Eingang. Dann folgen drei Gänge, der eine führt zu deiner Werkstatt, Bodo, dieser hier. Daran schließen sich die ganzen anderen Gänge und Räume an.”

Mit seinem Zeigefinger fuhr Herr Sponholz die Gänge und Räume ab, die er selber nur zu gut kannte. Sein Finger wanderte langsam auf der Karte umher und stoppte jedes mal, wenn er wieder auf einen Raum traf. Dann überlegte er einen Moment bis er den Raum identifiziert hatte und sprach das Ergebnis leise vor sich hin. Gespannt verfolgten Bodo Springer und Pepe das Geschehen. Dann war Herr Sponholz beim letzten Raum, den er kannte angelangt. Und plötzlich verschlug es ihm die Sprache. Er zog das Blatt ein Stück näher an sich heran und ungläubig  begann er von neuem mit seinem Finger die Gänge und Räume abzugehen. Er ging nun sorgfältiger als beim erste mal vor. Doch als er wieder am letzten Raum angelangt war, wusste er, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Sprachlos blickte er auf.

“Großer Gott”, waren die einzigen Worte, die ihm über die Lippen kamen. Die anderen sahen ihm an, dass er etwas dramatisches entdeckt haben musste. Nach etwa einer Minute gewann Herr Sponholz seine Stimme wieder.

“Seht auch das an!”.

Er deutete mit seinem Finger auf den letzten ihm bekannten Raum.

“Dieser Raum ist der hinterste auf dieser Seite des Kellers. Ich selbst war in über zwanzig Jahren erst zwei oder drei mal darin. Soweit ich weiß, ist der Raum bis auf ein paar alte Kisten völlig leer. Und jetzt seht auf die Karte! Dort sieht man einen kleinen Verbindungsschacht, der unterhalb dieses Raumes in ein neues Gewölbe führt! Seht! Es ist nicht so groß wie das obere, aber hier sind ebenfalls einige Räume eingezeichnet. Wenn es stimmt, was diese Karte uns sagt, dann gibt es unterhalb unseres Kellers einen weiteren! Und dieser ist nur über diesen geheimen Schacht hier zu erreichen!”

Mit offenem Mund sahen die anderen beiden Herrn Sponholz an. Das war eine unfassbare Neuigkeit. Dann stimmte es also doch, was man sich im Dorf erzählte. Es gab diesen Geheimgang tatsächlich. Im Moment waren die drei sich noch nicht im Klaren darüber was das bedeutete. Doch sie waren dem Geheimnis der unheimlichen Besucher einen Schritt näher gekommen. Doch was brachte ihnen diese Erkenntnis? Sie konnten nicht in den Keller gehen. Im Grunde waren sie dem Geschehen dort unten hilflos ausgesetzt. Es blieb ihnen nun nichts mehr zu tun, oder doch?

Herr Sponholz rief sie alle aus den Gedanken. Ernst und eindringlich schaute er jedem der beiden anderen in die Augen.

“Bodo, Pepe, jetzt gibt es nur noch eine Sache, die wir tun können. Es gibt jetzt nur noch einen, der uns weiterhelfen kann. Und wir müssen zu ihm gehen, und zwar schnell. Wir gehen zum alten Graf Berneck!”

Kapitel 14

Der alte Graf Berneck lebte mittlerweile sehr zurückgezogen ein wenig abseits des Dorfes in einem stattlichen Herrenhaus am Waldrand. Herr Sponholz hatte ihn seit fast einem Jahr nicht mehr persönlich getroffen, gelegentlich hatten sie nur  gelegentlich miteinander telefoniert.  Seit Frau Ludwig die neue Besitzerin des Hotels war, hatte der alte Graf Berneck das Hotel nicht mehr betreten. Und auch Herr Sponholz hatte bislang keine Gelegenheit gehabt, dem Grafen einen Besuch abzustatten. Doch das sollte sich heute ändern. Aus gegebenem Anlass bewegten Pepe und er sich einen Tag nach ihrem Krisentreffen auf das Haus des alten Graf Berneck zu. Herr Sponholz hatte den Besuch noch am Vorabend telefonisch mit dem Grafen abgesprochen und dieser freute sich auf das Treffen. Sie hatten beschlossen, den über 2 Kilometer langen, aber landschaftlich sehr schönen  Weg zu Fuß zurückzulegen. Bodo Springer war im Hotel geblieben, denn es wäre zu auffällig gewesen, wenn sie alle drei abwesend gewesen wären. Außerdem hatten sie vereinbart, dass Bodo sie im Falle eines Notfalls beim Grafen anrufen sollte. Und die Rezeption hatte vorübergehend Franziska Schott übernommen.

Die reizvolle Landschaft war nicht der einzige Grund, den Herr Sponholz dazu bewogen hatte mit Pepe zusammen zu Fuß zu gehen und nicht die Fahrräder oder ein Auto zu benutzen. Eigentlich wollte er die Gelegenheit nutzen, mit Pepe über den Glauben zu sprechen. Schließlich hatte dieser in der Nacht im Keller eine Gebetserhörung erfahren. Nun galt es, die weiteren Schritte zu gehen. Nur zu schnell konnte das Erlebnis angesichts der anderen Ereignisse in Vergessenheit geraten. Und das wäre aus Herr Sponholz’ Sicht Schade gewesen. Doch es war wie vertrackt: Da hatten sie bestimmt schon ein Viertel der Strecke zurückgelegt und hatten doch nur über die Ereignisse im Hotel oder andere Dinge gesprochen. Herr Sponholz fand einfach nicht den richtigen Einstieg um das Gespräch auf dieses Thema zu lenken.

Da sie gerade eine Weile schweigend nebeneinander her wanderten, kamen in Herr Sponholz die Gedanken hoch, wie er selbst zum Glauben gekommen war. Mehr als zwanzig Jahre war das nun her und seine Erinnerungen an diesen Tag waren noch so lebhaft, als sei es erst gestern gewesen. Er hatte zuvor nicht das geringste mit dem Christentum zu tun gehabt. Sicherlich, er war getauft und konfirmiert worden, aber eine lebendige Beziehung zu Jesus? Nein, das hätte er nicht von sich sagen können. Doch ein einziger Tag änderte sein Leben in dieser Hinsicht schlagartig. Er war damals noch ganz neu im Friedensreich gewesen. Er hatte zuvor in einem anderen Hotel in Berchtesgaden an der Rezeption gearbeitet, aber das Haus musste schließen und er brauchte einen neuen Job. In einer Zeitung hatte er das Stellenangebot für einen Rezeptionsleiter im Hotel-Gasthof Friedensreich gesehen. Kurzerhand hatte er sich beworben und war auch zu einem Vorstellungstermin eingeladen worden. Das war seine erste Begegnung mit dem seinerzeit noch nicht so alten Hotelier Graf Berneck. Schon damals war dieser eine imposante Erscheinung gewesen, groß und stattlich und stets mit einem souveränen und zufriedenen Gesichtsausdruck. Das Vorstellungsgespräch war so gut verlaufen, dass er noch am selben Tage seinen Arbeitsvertrag in der Tasche gehabt hatte und seine Stelle bald danach antreten konnte. Der Graf war ihm dann schnell zu einem väterlichen Freund geworden. Nie gab es dabei einen Zweifel daran, dass der Graf auch sein Vorgesetzter war. Und wenn sich auch eine Freundschaft ergab, so stand Herr Sponholz ihm stets in grösstem Respekt gegenüber. Aber dazu musste er sich nicht verstellen, denn Graf Berneck verfügte über eine natürliche Autorität und eine liebenswerte, aber bestimmende Ausstrahlung. Und dann hatte der Graf in seinem Büro hinter seinem Schreibtisch an der Wand diesen eingerahmten Spruch stehen, der ihn selbst auf die Glaubensspur gebracht hatte:

„Jesus lebt! Er ist mein Heil, mein Weg, mein Leben!“

Eines Tages hatte der Graf ihn in sein Büro gerufen. Herr Sponholz konnte nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, um was es damals eigentlich  ging, es war jedenfalls nichts Weltbewegendes gewesen. Und als er dann so in dem Büro vor dem Schreibtisch von Graf Berneck stand, fiel ihm plötzlich dieser Spruch an der Wand ins Auge. Er las ihn und fing an zu grübeln. Der Graf fuhr unterdessen mit seinen Ausführungen fort. Doch Herr Sponholz hörte nicht mehr hin. Erneut las er diesen Spruch an der Wand. Ohne es richtig zu bemerken und in sich versunken sagte er den Spruch leise vor sich hin:

„Jesus lebt! Er ist mein Heil, mein Weg mein Leben!“...

Ein Räuspern des Grafen unterbrach ihn:

„So so, lieber Herr Sponholz, Sie sind also auch bewegt von ihm?“

„Bewegt?“

„Nun, Sie haben doch gerade diesen Spruch vor sich hin gesagt.“

„Oh, tatsächlich habe ich das?“

„Ja, Sie haben.“

„Also, ich finde diesen Spruch ... ja, in der Tat, ich finde diesen Spruch bewegend. Warum steht er an Ihrer Wand?“

„Nun, das ist ganz einfach: Weil ich ein Sünder bin.“

„Ein Sünder?!“

„Ja, ein Sünder. Warum? Sind Sie denn keiner?“

Mittlerweile war Graf Berneck aufgestanden und hatte ihm einen Stuhl angeboten.

„Bitte setzen Sie sich doch. Ich glaube, wir sollten das jetzt einmal zu Ende besprechen.“

Dankend setzte sich Herr Sponholz auf den Stuhl direkt vor den Schreibtisch des Grafen.

„Also, um auf Ihre Frage zu antworten, ich bin natürlich kein Sünder. Ich gehe meiner Arbeit gewissenhaft nach und tue nichts Böses. Im Gegenteil, alles in allem glaube ich, dass ich ein friedfertiger Mensch bin.“

„Trotzdem sind Sie ein Sünder!“

„Bin ich nicht!“

„Sind Sie doch!“

„Bin ich nicht!“

„Also gut. Stellen Sie sich vor, sie säßen zum Tode verurteilt im Gefängnis. Nun hätte sich von außerhalb ein gänzlich Unschuldiger aus purer Gnade fest dazu entschlossen, ihr Leben zu retten, indem er sein eigenes Leben gibt. Es würde auch keine andere Möglichkeit zu ihrer Rettung geben. Wären Sie damit einverstanden?“

„Nun, wenn er wirklich fest dazu entschlossen ist: In jedem Fall!“

„Es gäbe da aber eine kleine Voraussetzung: Sie müssten um ihr Leben zu retten, gegenüber dem Richter geltend machen, das jemand anderes für sie gestorben ist. Ansonsten würden sie doch sterben.“

„Das ist alles?“

„Ja.“

„Das ist ja nicht schwer. Das würde ich spielend geltend machen.“

„Dann tun Sie es doch.“

„Wie bitte?“

„Mal anders ausgedrückt: Nehmen wir an, Sie wären in dem Gefängnis, diese Person hätte ihr Leben für sie gegeben, aber Sie würden es gegenüber dem Richter nicht geltend machen und somit sterben. Was wären Sie dann?“

„Dann wäre ich von allen guten Geistern verlassen. Das wäre völliger Wahnsinn. Ich hätte mich selbst zum Tode verurteilt.“

„Und was wäre es gegenüber dem, der sein Leben für Sie gelassen hat?“

„Das ist kaum auszumalen. Dann wäre dieser völlig umsonst für mich gestorben.“

„Nehmen wir an, der umsonst Gestorbene wäre das einzige Kind seines Vaters gewesen. Was würde dieser Vater nun von Ihnen halten?“

„Ich glaube... ich glaube dem würde ich nicht unter die Augen treten wollen.“

„Nehmen wir an, Sie müssten ihm unter die Augen treten. Was wäre in Ihren Augen gerecht?“

„Ich hätte mich gegenüber diesem Vater schwer vergangen. Ich hätte den Tod mehr als verdient.“

„Und so, lieber Herr Sponholz steht es auch schon im Worte Gottes: ‚Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Jesus Christus, unserem Herrn.’“

Daraufhin sagte Herr Sponholz nichts mehr. Er hätte auch gar nichts mehr sagen könne, denn die ersten Tränen stiegen bereits in ihm auf. Er war in seinem Leben noch nie so bewegt gewesen wie in diesem Augenblick. Klare Gedanken konnte er im Moment keine fassen, das Gehörte konnte er absolut nicht einordnen, er spürte nur dieses unbeschreibliche Gefühl von Gnade, das durch seinen ganzen Körper strömte. Er konnte sich noch so gerade eben beherrschen, um nicht noch an Ort und Stelle in Tränen auszubrechen. Glücklicherweise hatte Graf Berneck die Situation völlig im Griff. Er stand auf, gab Herrn Sponholz ein Taschentuch und dazu ein Buch.

„Mein lieber Herr Sponholz. Ich bringe Sie jetzt auf Ihr Zimmer. Sie haben den heutigen Tag frei. Hier nehmen Sie dieses Buch, es ist eine Bibel. Wenn Sie sich etwas gefasst haben, fangen Sie an, darin zu lesen. Ihnen wird dann unser Gespräch viel klarer werden. Fangen Sie im Neuen Testament an. Glauben Sie mir, Sie werden dann bald mehr verstehen. Und wann immer Sie sich dazu bereit fühlen, kommen Sie wieder hierher, dann werden wir weiter sprechen.“

Kapitel 15

Mehr als zwanzig Jahre waren seither vergangen. Und den Spruch, der ihn damals zum Glauben führte, hatte er nun selbst an seinem Computermonitor angebracht.

Herr Sponholz konnte machen, was er wollte, aber er konnte nicht verhindern, dass ihm jetzt, wo er die Geschehnisse von damals gedanklich nochmals Revue passieren ließ einige Tränen der Rührung kamen. Pepe blieb das natürlich nicht unbemerkt.

„Herr Sponholz, ist Ihnen eine Fliege ins Auge geflogen?“

„Nein, nein, Pepe. Ich habe nur... ich habe nur an etwas von früher gedacht.“

„Und an was?“

Herr Sponholz musste lächeln. Typisch junger Bursche. Natürlich möchten diese alles immer ganz genau wissen. Doch warum eigentlich nicht die Gelegenheit nutzen? Das war doch der ideale Einstieg, den er die ganze Zeit über gesucht hatte! Also erzählte Herr Sponholz dem jungen Burschen neben ihm die ganze Geschichte.  Und als er fertig damit war gingen sie beide andachtsvoll und schweigend nebeneinander her, bis Pepe nach einer Weile das Schweigen unterbrach:

„Den Spruch kenne ich von Ihrem Monitor.“

„Ja, du hast Recht, dort habe ich ihn angebracht.“

„Und warum steht er nicht mehr an der Wand in dem Büro von Frau Ludwig?“

„Nun, ich nehme an, der Graf hat ihn entfernt, als er das Hotel an Frau Ludwig übergeben hat.“

„Bin ich denn auch ein Sünder?“

„Tja, versetze dich einfach einmal in die Lage des Menschen, der im Gefängnis saß. Nehmen wir an, du wärst auch ein Verurteilter. Hast du das Opfer angenommen, welches dir das Leben schenkt?“

„Wenigstens begreife ich es so langsam. Als Sie von dem Vater und seinem Sohn erzählt haben, hat mich das an eine Stelle aus der Bibel erinnert, die Sie mir gegeben haben. Dort stand ‚Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn’. Und das hat ein Hauptmann zu Jesus gesagt, als er gekreuzigt worden ist. Also ist der Vater der Vater von Jesus und der ist sauer, weil sein Sohn sich umsonst geopfert hat, stimmt’s?“

„Stimmt. Aber es stimmt auch, dass dieser Tod nicht umsonst bleiben muss.“

„Logisch, wenn ich dieses Opfer geltend mache, wäre der Sohn nicht umsonst für mich gestorben.“

„Stimmt genau.“

„Aber weshalb bin ich verurteilt worden? Wieso muss überhaupt jemand anders für mich sterben?“

„Hast du in deinem Neuen Testament die Stelle gelesen, wo es hieß ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder’ ?“

„Ja, tatsächlich, ich erinnere mich an die Stelle.“

„Derjenige, der gekommen ist, sich selbst zu opfern, ist also nur für die Sünder gekommen. Und in der Bibel heisst es auch ‚Da ist kein Gerechter, auch nicht einer’. Alle Menschen sind also Sünder. Auch du und ich. Oder hast du noch nie etwas ausgefressen?“

Pepe schüttelte mit dem Kopf.

„Und Sie haben damals das Opfer für sich in Anspruch genommen?“

„Ja.“

„Dann waren Sie also auch ein Verurteilter“

„Auch das stimmt.“

„Alle Menschen sind also Verurteilte.“

„Solange sie  das Angebot zu Leben nicht nutzen, ja.“

„Wie kann man nur so dumm sein, dass nicht zu tun?“

„Tja, das liegt wohl daran, dass viele Menschen nicht einsehen, dass sie Verurteilte sind. Sie denken, sie brauchen kein Opfer für sich.“

„Hmm, woher soll man das auch wissen?“

„Nirgendwoher.“

„Wie bitte?!“

„Na ja, es geht nicht darum, es zu wissen, sondern es zu glauben.“

„Ach so?“

„Der Verurteilte in dem Gefängnis hat den Opfertod des Sohnes ja auch nicht mit angesehen. Er saß ja in seiner Zelle. Er musste darauf vertrauen, dass es stimmt und mit diesem Glauben zum Richter gehen.“

„Aber woher nehme ich meinen Glauben. Mir hat’s ja keiner angeboten.“

„Du hast doch in der Bibel gelesen, oder?“

„Ja.“

„Dort hast du über die Kreuzigung Jesu Christi gelesen.“

„Ja.“

„Ich sage dir jetzt, du bist auch ein Verurteilter. Doch Jesus Christus ist für dich am Kreuz gestorben. Wenn du dieses Opfer für dich in Anspruch nimmst, bekommst du dein Leben geschenkt. Glaubst du mir das?“

„Ich sage ihnen jetzt was ich glaube. Ich glaube, dass Jesus gestorben ist. Aber ich glaube, er lebt! Ich habe es eindeutig gelesen! Ich höre hier immer nur von Sterben und Tod. Er ist zwar erst gestorben, auch für mich, aber dann ist er auferstanden und lebt jetzt bei seinem Vater im Himmel. Das ist doch viel Schöner! Und genau so glaube ich es! Und das sollten sie auch tun, auf Ihrem Aufkleber steht’s doch: Jesus lebt!“

Damit hatte Herr Sponholz nicht gerechnet. Da hatte dieser Knirps gerade seine schöne logische Beweisführung mit einem Satz zunichte gemacht. Wie viel konnte man doch von solch einem unbekümmerten Lausbub noch lernen. Dem konnte er nichts mehr hinzufügen. Er tat das Einzige, was ihm jetzt noch blieb, er nahm sich den verdutzten Jungen, umarmte ihn herzlich, dankte Gott und  freute sich mit ihm über seinen Glauben. Ja, da war sich Herr Sponholz sicher, das war ein guter Anfang für ein Leben im Glauben. Ein sehr guter sogar.

Kapitel 16

Sie waren angekommen. Vor Ihnen lag das stattliche Herrenhaus des Grafen von Berneck. Als sie klingelten öffnete ihnen die Haushälterin und führte sie in das Wohnzimmer, wo sie auf das Erscheinen des Grafen warten konnten.

Pepe sah sich in dem Raum um und war sehr beeindruckt. Schöne Ölgemälde hingen an allen Ecken des Zimmers und antike Vasen standen auf mindestens ebenso antiken Kommoden. Ein Kronleuchter hing von der hohen Decke herab und obwohl er nicht eingeschaltet war, tauchte er den Raum in einen goldenen Glanz, weil er die Sonnenstrahlen in alle Richtungen reflektierte.

Sie mussten nicht lange auf das Erscheinen des Grafen warten. Als dieser herein trat begrüsste er Herrn Sponholz und Pepe in aller Herzlichkeit.  Sie wechselten ein paar Willkommensworte und der Graf zeigte sich sehr interessiert an Pepes Leben und Wirken in dem Hotel. Inzwischen hatten sie es sich auf einer ledernen Sitzgarnitur am anderen Ende des Raumes bequem gemacht. Herr Sponholz kam sogleich zur Sache:

„Graf, so sehr ich mich auch über unser Wiedersehen freue, umso mehr gibt es doch seit einiger Zeit beunruhigende Vorkommnisse in unserem Hotel, die uns dazu veranlasst haben, Ihnen einen persönlichen Besuch abzustatten. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich gestern am Telefon nichts Genaues darüber sagen konnte, aber das wäre viel zu riskant gewesen.“

Der Graf zog seine Augenbrauen hoch und machte ein ernstes Gesicht.

„Beunruhigende Vorkommnisse? Nanu, lieber Herr Sponholz, jetzt ängstigen Sie mich aber. Was könnte denn in solch einer lieblichen Gegend und dann noch in meinem ehemaligen Hause passieren? Bitte fahren Sie doch fort, berichten Sie mir über alles.“

Herr Sponholz holte tief Luft und tat, was ihn der Graf geheissen hatte. Er begann, ihm in aller Ausführlichkeit die ganze Geschichte zu erzählen. Er fing am Anfang an, als der Konvoi mit den sechs schwarzen Limousinen beim Hotel vorgefahren war. Er berichtete über Mister Clark, Mister Gundolf und die anderen dunklen Gestalten, die seit einigen Tagen das Hotel bewohnten. Er beschrieb den immer wieder kommenden Lärm und die misstrauischen Vorsichtsmaßnahmen der Besucher.  Er erwähnte, dass sie in den Besitz eines Lageplanes des Kellergewölbes einschließlich des Geheimganges gelangt waren, wobei er es unterließ, Pepes Namen in diesem Zusammenhang zu nennen.  Er berichtete weiter über die seltsame Visitenkarte, die er auf dem Hotelparkplatz gefunden hatte und über ihr Krisentreffen vom gestrigen Tage, bei dem sie beschlossen hatten, Graf Berneck von den Geschehnissen zu berichten. Als er fertig war, atmete er tief durch und sah den Grafen sorgevoll an. Doch der Graf saß mit versteinerter Miene  in seinem Sessel. Während der Erzählung war er von Minute zu Minute immer blasser geworden. Entsetzt blickten seine Augen starr an Herr Sponholz vorbei ins Leere. Herr Sponholz und Pepe sahen sich betroffen an. Dann stand Herr Sponholz  auf, ging auf den Grafen zu, beugte sich über ihn und schüttelte ihn leicht an der Schulter.

„Graf Berneck! Um Himmels willen, geht es Ihnen nicht gut?“

Nur zögernd gewann der Graf seine Fassung wieder. Er atmete flach und es fiel ihm sichtlich schwer, sich zu rühren.

„Wasser, ein Glas Wasser bitte“, sagte er mühsam.

Sofort verließ Herr Sponholz das Zimmer, und besorgte sich bei der Haushälterin das Wasser, welches er dem Grafen in die Hand gab. Als dieser einige Schluck daraus getrunken hatte, richtete er sich zögernd auf und wandte sich seinen beiden Besuchern mit ernster Miene zu.

„Es war ungemein wichtig, dass Ihr beiden zu mir gekommen seid. Für meinen kurzzeitigen Wegtritt bitte ich um Entschuldigung. Ihr werdet gleich verstehen,  warum mich die Ereignisse, die ich soeben hörte, zutiefst besorgen. Herr Sponholz, dürfte ich Sie zunächst bitten, mir diese Visitenkarte zu geben, die Sie gefunden haben?“

Herr Sponholz griff in seine Jackentasche, holte die Brieftasche hervor und entnahm ihr die Karte, die er dem Grafen übergab. Der Graf nahm die Karte, sah sie sich schweigend an und nickte wissend mit dem Kopf.

„Meine Herren, würden Sie mich wohl für einen Augenblick entschuldigen?“

Der Graf stand auf und  ging zu einem Sekretär am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Er suchte die einzelnen Fächer des Sekretärs ab und blätterte einige Akten durch. Schließlich hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Er ging zurück zu den beiden anderen, die das Geschehen gebannt verfolgten.

„Herr Sponholz, hier ist zunächst die Visitenkarte, die Sie auf dem Hotelparkplatz gefunden haben.“

Der Graf legte die Karte vor Herrn Sponholz auf den Tisch.

„Und nun sehen Sie sich das hier an.“

Er legte eine andere Visitenkarte direkt neben die erste auf den Tisch. Herr Sponholz traute seinen Augen nicht!

„Großer Gott! Das ist genau die selbe Visitenkarte! Ja ohne Zweifel, es ist derselbe Text und auch das Symbol ist gleich. Mit dem Unterschied, dass Ihre Karte trocken und sauber ist und alles zu erkennen ist. Wie sind Sie nur an diese Visitenkarte gelangt?“

Der Graf setzte sich wieder auf seinen Sessel und faltete langsam die Hände. Er schien nach wie vor mit seiner Fassung zu ringen. Es verstrich sicher eine Minute, bevor er mit leiser Stimme, ja fast zitternd, ausholte und mit seinen Ausführungen begann.

„Meine Herren, wie sie wissen, befindet sich der Hotel-Gasthof Friedensreich seit Generationen im Besitz unserer Familie. Nun, inzwischen muss ich wohl sagen befand. Einer meiner Urahnen, Graf Balthasar von Berneck, welcher 1812 verstarb, hatte das Haus seinerzeit bauen lassen. Wie Sie wissen, befindet sich im westlichen Teil des Chiemsees die Herreninsel, auf der der spätere Bayernkönig Ludwig damit begann, sein bayerisches Versailles, nämlich das Schloss Herrenchiemsee zu bauen. Zu dieser Zeit war das Friedensreich bereits im Besitz des Sohnes des Grafen, Graf Leopold von Berneck. Dieser hatte beste Beziehungen zu König Ludwig und ging bei Hofe ein und aus.  Neben der Herreninsel befindet sich die Fraueninsel, auf der Herzog Tassilo bereits im achten Jahrhundert ein Benediktinerkloster gründete. 1886 ließ man am Hofe verlauten, dass die Bauarbeiten am Schloss noch vor dessen Vollendung eingestellt worden seien. Es gab ein paar offizielle Begründungen, doch diese nannten nicht den wahren Grund, warum das Schloss nie ganz vollendet worden ist. Tatsache ist, dass sehr wohl weiter gebaut wurde, allerdings an anderer Stelle und unter strengster Geheimhaltung. König Ludwig ließ einen unterirdischen Geheimgang bauen, der zwanzig Meter unter dem Meeresspiegel das Schloss Herrenchiemsee mit dem Kloster auf der Fraueninsel verband. Ludwig wollte den Tunnel eigentlich nur als Fluchttunnel nutzen. Nachdem der Tunnel fertig war, hatte er aber Angst, dass er nicht ausreichen würde, sofern beide Inseln belagert worden wären. Also entschloss er sich zu einem weit größeren Projekt. Er wollte das der Tunnel weitergebaut würde und zwar bis zum Festland. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Leopold von Berneck vereinbarte er mit ihm, dass der Tunnel in dessen Hotel ankommen solle. Das war ein gewaltiges Projekt und da der König wenig Zeit dafür hatte, es selbst durchzuführen beauftragte er Leopold mit den Bauarbeiten.  Es tut mir leid, dass ich Ihnen das nie selbst gesagt habe, aber ich konnte nicht ahnen, dass es noch einmal eine Rolle spielen würde. Jedenfalls stimmen die Gerüchte tatsächlich. Dieser Geheimgang existiert und er ist weit größer und verzweigter als Sie wohl bisher gedachte haben.“

Offenen Mundes verfolgten Pepe und Herr Sponholz die Worte des Grafen. Das war eine unfassbare Neuigkeit und sie merkten beide, wie ihre Herzen schneller schlugen. Pepe war der erste, der seine Worte wiederfand:

„Aber warum sind dann diese Besucher da? Was suchen die denn bloß?“

„Das will ich euch gerne sagen. Als Graf Leopold mit den Bauarbeiten begonnen hatte, stießen dessen Arbeiter im Kellergewölbe des alten Benediktinerklosters auf eine eingemauerte verschlossene Truhe. Sie musste dort wohl schon seit einigen Jahrhunderten gelegen haben. Die Arbeiter brachten die Truhe zu dem Grafen, der sie öffnen ließ. Leopold war zunächst enttäuscht darüber, was er darin fand. Es war nichts weiter als ein paar alte Pergament- und Papyrusrollen. Da er nichts damit anzufangen wusste, brachte er die Rollen zu dem Abt des Klosters. Auch dieser wusste erst nicht, um was es sich dort handelte, aber er begann damit die Schriftrollen mit einigen Fachleuten zu untersuchen. Und das Ergebnis war eine unfassbare Sensation. Die Schriftrollen waren nichts geringeres als die einzig bekannten Originalschriftrollen des Propheten Daniel aus dem Alten Testament. Wir finden dieses Buch als Abschrift in unserer heutigen Bibel, der Prophet hat es etwa im sechsten Jahrhundert vor Christi verfasst. Es war ein ungemein wichtiges Buch für die ersten Christen, ja der Herr Jesus persönlich zitiert den Propheten Daniel im Evangelium. Das Buch ist ein wichtiger Schlüssel zu der Offenbarung des Johannes, in der über die Apokalypse und das Wiederkommen des Herrn auf die Erde berichtet wird.  Auch wurde in dem Buch in prophetischere Weise über die vier Weltreiche geschrieben, die die Erde beherrschten, Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Da sämtliche Prophetien aus dem Buch sich tatsächlich bewahrheitet haben, stand und steht das Buch Daniel ständig im Kreuzfeuer der Kritik. Da die Originale verschollen schienen, wurde das Buch oft als Fälschung bezeichnet. Es wurde behauptet, es sei viele Jahrhunderte später geschrieben worden, wodurch sich die Treffsicherheit bei den Prophetien als reine Beschreibung von bereits Geschehenem herausstellen sollte. Es wurde behauptet, dass das Buch gar nicht von Daniel selbst, sondern von jemand anderem geschrieben worden sei und dass das Buch historische Widersprüche enthalte. Kurzum, das Buch wurde bis heute schwer bekämpft. Das Material, das in der Truhe gefunden wurde, war geeignet zweifelsfrei zu beweisen, dass das Buch tatsächlich im sechsten Jahrhundert vor Christus vom Propheten Daniel verfasst worden ist, was die gesamte Kritik sofort zum Verstummen gebracht hätte.“

„Aber warum wurden die Originale dann nie in die Öffentlichkeit gebracht?“, fragte Herr Sponholz sichtlich bewegt.

„Tja, das, mein lieber Herr Sponholz, weiss ich auch nicht so ganz genau. Ich weiß nur, dass der Abt und mein Vorfahr die Schriftrollen irgendwo in diesen Gängen wieder eingemauert haben. Glauben Sie mir, ich habe mir auch mehrfach den Kopf zerbrochen, warum dies so ist. Und Sie werden mich mit Recht fragen, warum ich selbst nicht die Öffentlichkeit über diesen Schatz informiert habe, oder ein anderer aus meiner Familie. Wissen Sie, wir waren schon immer eine sehr gläubige Familie. Mein alter Vater erzählte mir die Geschichte, die ich Ihnen gerade erzählt habe kurz bevor er mir das Haus übergeben hatte. Er sagte zu mir: ‚Sohn, wir haben alle in der Familie oft und sehr oft zu Gott im Himmel gebetet, auf dass er uns Einsicht und Weisheit schenken möge. Wir haben diese Sache mit dem Buch Daniel immer wieder vor Gott getragen und Ihn um Erkenntnis gebeten. Und bis heute hat keiner der Bernecks, der von dem Buch wusste, die Öffentlichkeit informiert. Bleibe auch du ständig im Gebet vor dem Herrn und bitte Ihn um seine Hilfe für die hohe Verantwortung, die du mit deinem Wissen hast. Denke daran, dass allein der Glaube eines Menschen ihn vor Gott rechtfertigt. Durch das Buch würden sicherlich alle Kritiker auf der Stelle verstummen. Aber ist dadurch dem Glauben geholfen? Glauben wir an die Bibel nicht auch ohne dass wir das Original des Propheten Daniel haben? Glauben wir nicht an alles in dem Worte Gottes ohne dass wir eines Beweises bedürften? Gott beweist sich jeden Tag. Er ist nicht abhängig davon, ob nun irgendwelche Originalschriftrollen auftauchen. Aber bete dennoch immer zum Herrn. Vielleicht sollst du der erste Berneck sein, der diese Rollen an die Öffentlichkeit bringt.’  Und diesen Rat meines Vaters habe ich bis heute beherzigt. Ich habe oft darüber gebetet und ich habe zu keiner Zeit, zumindest bis jetzt, den Drang verspürt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Gegenteil, ich habe bis heute ein reines Gewissen deswegen.“

„Und nun wollen die Besucher in unserem Hotel dieses Buch an die Öffentlichkeit bringen?“, fragte Pepe.

„Nein, Pepe, sie wollen es vernichten.“

„Vernichten?!“

„Ja. Die church of eternity ist bereits vor etwa anderthalb Jahren an mich herangetreten. Daher habe ich auch diese Visitenkarte. Diese Kirche ist in Wahrheit eine amerikanische Sekte, die in Verbindung mit den Illuminati steht, daher auch dieses Symbol auf der Visitenkarte. Irgendwie müssen sie von den Schriftrollen Wind bekommen haben. Sie waren hier in meinem Haus und wollten mir unbedingt das Hotel abkaufen. Doch ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl bei diesen Personen. Ich habe abgelehnt, das Hotel an diese Organisation zu verkaufen, egal welchen Preis sie mir geboten hatten. Doch ich wurde auch nicht jünger. Irgendwann musste ich das Hotel verkaufen. Ein halbes Jahr später hat mir die Frau Ludwig dann ein gutes Angebot gemacht. Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht, normale Kaufinteressenten hatte es ja schon seit jeher immer wieder gegeben. Als wir uns geeinigt hatten, verkaufte ich das Hotel mit einem guten Gefühl an Frau Ludwig. Jetzt bleiben nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder ist sie ein Strohmann der Sekte oder die Leute von der Sekte haben irgendeine Vereinbarung mit ihr geschlossen. Jedenfalls wollen sie diese Schriftrollen suchen, um sie zu vernichten.“

„Aber warum um Himmels willen wollen sie das tun?“, fragte Herr Sponholz entsetzt.

„Weil sie gegen das Christentum arbeiten. Sie befürchten, dass die Rollen doch irgendwann an die Öffentlichkeit dringen könnten und somit eindeutig bewiesen sei, dass vieles in der Bibel und somit vieles auf das sich das Christentum stützt wahr ist.“

„Und was wollen wir jetzt tun?“, fragte Herr Sponholz.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Kapitel 17

Die Haushälterin des Grafen betrat hektischen Schrittes das Zimmer.

„Herr Graf, Herr Graf, hier ist ein Herr Bodo Springer am Telefon, er sagt er wäre eilig.“

Sie übergab dem Grafen das Telefon.  Fassungslos hörte dieser zu, was sein ehemaliger Hausmeister ihm am Telefon sagte. Als das Gespräch beendet war, verlor er keine Zeit mehr:

„Schnell, meine Herren, in den Wagen. Wir müssen sofort zum Hotel!“

Eilig stürzten sie zu dritt nach draussen, und rannten zu dem Auto des Grafen.

Der Graf fuhr noch selbst. Und diesmal fuhr er etwas schneller als gewöhnlich. Während der Fahrt berichtete er Pepe und Herrn Sponholz, was ihm Bodo Springer soeben mitgeteilt hatte.

„Herr Springer hat mich gerade darüber informiert, dass sich eine Menschenmenge in der Nähe des Hotels gebildet hat. Offensichtlich ist dort ein Unfall passiert. Auch ein Krankenwagen soll schon dort sein.“

Endlich kamen sie an. Schon von weitem konnten sie eine mehrere Hundert Menschen große Menschenmenge sehen, die sich zwischen dem Hotel und dem Chiemsee befand. Als sie den Wagen abgestellt hatten, eilten der Graf, Herr Sponholz und Pepe zum Orte des Geschehens. Sie arbeiteten sich langsam durch die Menschenmenge nach vorne. Als sie sehen konnten, was sich ereignet hatte, verschlug es ihnen die Sprache. Mehrere Steintrümmer waren überall auf dem See verstreut. Drei Rettungsboote der Polizei waren eingetroffen und bargen Menschen aus dem See. Auch die Feuerwehr war da und pumpte mit großen schwarzen Schläuchen Wasser aus dem Hotel. Die ganze einst grüne Botanik nahe des Ufers war fingerdick in weißen Kalkstaub eingedeckt, der aus der Luft von oben langsam wieder nach unten schwebte. Ein beissender Geruch lag in der Luft und man musste sich etwas vor den Mund halten, um nicht einen Hustenanfall zu bekommen. Den Menschen bot sich ein chaotischer Anblick. Fassungslos beobachteten der Graf und Pepe das Geschehen. Herr Sponholz hatte sich wieder etwas aus der Erschütterung gelöst und hielt Ausschau nach Bodo Springer. Nach einer Weile entdeckte er ihn oben beim Hotel auf der Aussichtsplattform. Er sagte den anderen Bescheid und zusammen kämpften sie sich durch die Menge nach oben.

Glücklicherweise standen hier nur wenige Menschen. Als sie angekommen waren, fragten sie Bodo Springer sofort, was hier geschehen sei.

„Gut, dass ihr hier seid. Es ging hier alles plötzlich sehr schnell. Ich stand gerade an der Rezeption, das mag jetzt vielleicht eine halbe Stunde her sein, da gab es eine ohrenbetäubende Explosion von unten. Die Besucher haben dort unten offensichtlich gebohrt und haben eine Unterwasserexplosion verursacht. Jedenfalls steht jetzt der ganze Keller unter Wasser. Die Feuerwehr hat die Lage aber im Griff und das Wasser sinkt wieder langsam. Ich habe vorhin mit der Wasserschutzpolizei gesprochen, es gab glücklicherweise keine Todesopfer aber viele der Besucher sind verletzt ins Krankenhaus geliefert worden. Die übrigen sind von der Polizei verhaftet worden, auch Frau Ludwig. Der Geheimgang und alles was auch immer darin sein mochte ist mit Sicherheit zerstört.“

Erschrocken sahen sich der Graf, Pepe und Herr Sponholz an. Sie erzählten Bodo Springer von den wahren Absichten der Besucher. Dieser schüttelte immer mehr mit dem Kopf.

„Also, deswegen das Leben aufs Spiel zu setzen ist völliger Irrsinn. Aber die Schriftrollen sind mit Sicherheit zerstört. Insofern haben diese Verrückten ihr Ziel sogar erreicht.“

„Das glaube ich ehrlich gesagt nicht“, widersprach ihm Graf Berneck, „dann sollte es wohl so sein. Stellt euch vor, diese Rollen wären an die Öffentlichkeit gedrungen. Wer bisher nicht an den Herrn Jesus geglaubt hat, wäre auch durch ein Stück Papier nicht zum Glauben gekommen. Dazu bedarf es schon etwas mehr. Die Gnade Gottes lässt sich auch nicht durch eine Schriftrolle erlangen. Und die Gläubigen? Vielleicht hätten einige eher diese Schriftrolle angebetet, als den lebendigen Gott. Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto erleichterter bin ich, dass die Schriftrollen niemals an die Öffentlichkeit gelangen werden. Sie wären nur von der Sensationspresse ausgeschlachtet worden.  Das Wort das darin steht ist ohnehin lebendig in unsere Herzen eingeschrieben und wir haben das Buch Daniel ja auch so in unserer Bibel. Wir wollen den Herrn preisen dafür.“

Und das taten sie. Frau Ludwig kehrte nie wieder in das Hotel zurück und Siegmar Sponholz kaufte das Haus unter tätiger Mithilfe des Grafen Berneck. Der freigewordene Platz an der Rezeption wurde ein weiteres Jahr später von Pepe übernommen. Und das Friedensreich wurde seinem Namen endlich wieder gerecht. Und im Büro des neuen Hoteldirektors stand wieder unübersehbar der Spruch an der Wand, der nun schon mehrere Menschen zum Glauben an Jesus Christus gebracht hatte: „Jesus lebt! Er ist mein Heil, mein Weg, mein Leben!"


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