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Christoph Blumhardt: Gedanken aus dem Reich Gottes

bibel

Hier das Buch "Gedanken aus dem Reich Gottes" von Christoph Blumhardt (1842-1919).
Christoph Blumhardt ist der Sohn des bekannten pietistischen Pfarrers Johann Christoph Blumhardt (1805-1880), der während seiner Pfarrtätigkeit in der Gemeinde Möttlingen bei Bad Liebenzell eine geistliche Erweckungsbewegung auslöste. Wie sein Vater wurde auch Christoph Blumhardt Pfarrer. Er wurde als Seelsorger und Bußprediger auch weit über seine Heimat hinaus bekannt. Blumhardt gibt in seinem Buch geistliche Impulse und Gedanken weiter, die auch in unserer heutigen Zeit nichts an Aktualität verloren haben. Das Buch ist eine eindringliche Standortbestimmung christlichen und kirchlichen Lebens, bei der wir uns auch heute in vielem wiedererkennen können.

Christoph Blumhardt ist seit mehr als 70 Jahren tot, daher ist es rechtlich möglich, seine Werke nun frei zu veröffentlichen. Diese Gelegenheit nutze ich gerne.

Seite 19



Gedanken aus dem Reich Gottes

Ein vertrauliches Wort an Freunde von Christoph Blumhardt, Bad Boll 1895



Noch vor wenigen Jahren kam es auch uns vor, dass wir ein elektrisches Geläute in einem unserer Häuser verfertigen ließen. Der Fabrikant brachte aber die Nummer 13 nicht mit, er sprang von 12 auf 14. Wir aber hatten auch ein Zimmer Nr. 13. Auf Befragen, warum er diese Nummer ausgelassen habe, antwortete er, er dürfe nirgends diese Nummer bringen, denn es gäbe eine Menge Leute, die sich fürchten, in einem Zimmer Nr. 13 zu wohnen. Und eine solche Gesellschaft verdammte einen Blumhardt! Wir könnten eine Menge Beispiele erzählen, wie auch gebildete Leute in solchem Aberglauben gefangen waren und sind und dabei die Rolle von Aufgeklärten spielen.

Der Ruhm aber muss Blumhardt bleiben, dass er und seine Leute bis ins Mark hinein wenigstens von solchen Torheiten freigemacht wurden. Freilich musste man immer von der Gefährlichkeit des Aberglaubens reden, aber nicht, weil man daran glaubte, sondern weil eine Menge Leute nicht davon lassen wollten und eben tatsächlich Schaden an Leib und Seele nahmen. So viel auch Aufklärendes unterdessen in unserer Zeit sich bemüht, den Volksaberglauben zu bekämpfen, so gewiss ist es dennoch auch heute noch nötig zu sagen, wie nichtig und töricht abergläubische Vorstellungen sind und wie gefährlich die Verwicklungen werden, in welche sich die Abergläubischen begeben. Wir stehen nicht an, in dieser Beziehung voll und ganz den Ernst und den Eifer unseres Vaters anzuerkennen, auch auf die Gefahr hin, dass wir für abergläubisch gehalten werden trotz aller Freiheit, in welcher wir uns wissen. Wir wollen uns nicht weiter verbreiten über die Gefahr, in welcher auch heute viele stehen, die auf andere unsichtbare Wirkungen als auf die Wirkungen Gottes ihr Augenmerk richten und sich denselben hinopfern (siehe dazu auch "Wem vertraue ich?"). Nur das Eine wollen wir hiermit gesagt haben, dass die Veröffentlichungen unseres Vaters hätten viel mehr Nutzen bringen können, wenn sein Unglaube an den Teufel gegenüber von seinem Glauben an Christus, den Mann der Wahrheit, hätte wollen beachtet werden. Denn war die Voraussetzung richtig, dass wir eine Kirche haben, dass wir eine Gemeinschaft des Heiligen Geistes haben, in welcher alle Vorkommnisse brüderlich aufgenommen und zum Nutzen des Ganzen verwertet werden, dann war es auch richtig, alles rückhaltlos mitzuteilen, selbst das, worüber man streiten konnte; nicht, als ob es nicht geschehen wäre, sondern um zu prüfen, wie weit dieses und jenes wert gehalten oder aber der Vergessenheit übergeben werden sollte. Aber leider war jene Voraussetzung unrichtig, denn eine solche Gemeinschaft des Heiligen Geistes, welche richtend und verklärend in einer Gemeinde Jesu Christi alles zu Gottes Nutzen erlebt, haben wir nicht und hatten wir nicht, und insofern konnte die Ehrlichkeit Blumhardts getadelt werden, weil sie auch Schaden bringen musste.

Es ist eben von jeher ein Fehler gewesen, dass die Gemeinde Jesu Christi alle Glieder eines ganzen Volkes in sich aufnehmen zu müssen glaubte. Das war nicht der Sinn der apostolischen Gründung. Es ist ein Unterschied, ob eine Kirche das Salz unter den Völkern ist oder ob die Völker Kirche werden. Will man die Völker zu Kirchen machen in der Jetztzeit, dann muss man die Kirchen nach den Völkern einrichten. Weil aber die Völker noch abergläubisch sind, so muss man auch kirchlicherseits dem Aberglauben entgegenkommen und idololatristische
(abgöttische), götzendienerische Vorstellungen und Sitten christlich gangbar machen. Dann muss aber auch auf viel Wahrheit verzichtet werden, die nur in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes zuerst verstanden wird, bis auch die Völker dafür reif sind. Für die Offenbarung Gottes in Christus und für das, was fürs Einzelleben daraus folgt in der wahren Freiheit des Lebens zu Gott, hatten und haben nun einmal die Völker auf Erden noch keinen Sinn. So kommt man auch heute noch mit allem in Verlegenheit, was man Göttliches erlebt, eben weil man es nicht veröffentlichen kann, da, wo es hingehört, vielmehr in der peinlichen Lage ist, sich sagen zu müssen: was man veröffentlicht, kommt auch in die Kirche und durch die Kirche ins ganze Volk und eben damit vor unzählige Menschen, die es nicht verstehen können und im Namen der Kirche dagegen protestieren. Denn in der Kirche wollen sie nur hören, was sie verstehen und was ihnen recht ist. So musste auch Blumhardt mehr oder weniger desavouiert werden, weil man glaubte, man werde mit ihm blamiert vor der sogenannten gebildeten christlichen Welt. Dies umso mehr, weil seine Sache auch schon eine Spitze hatte gegen gewisse abergläubische Gebräuche in der Kirche selbst, von denen auch der Protestantismus nicht sich hat freihalten können.

Das alles war auch schon die Empfindung in Blumhardt, als er jenes Vorwort schrieb. Es drängt sich in ihm unwillkürlich die Angst hervor, es möchte die Veröffentlichung seiner Erlebnisse doch nicht richtig sein. Darum einerseits das mutige: Nur heraus damit! d.h. in der Gemeinschaft von Brüdern, und auf der anderen Seite: Nur nicht heraus damit! d.h. vor aller Welt. Wir sehen, wie hier Blumhardt zwischen zwei Klippen stand. Die eine Klippe war das Verschweigen. Denn das ist wahr: Einfach alles verschweigen und dann tun, als ob gar keine Brüder in der Welt wären, die im Anschluss an die heilige Schrift Vorkommnisse von dämonischen Einwirkungen verstehen können, das wäre damals ein Unrecht gewesen und hätte für Blumhardt selber den größten Schaden hervorbringen müssen. Sein inwendiges Leben wäre unter einer Art Unehrlichkeit verkümmert. Die andere Klippe war die Veröffentlichung, weil sie nicht vor die rechten Ohren allein kam und viel von dem Segen der Wirksamkeit Blumhardts wegnehmen musste. Es beschäftigte sich schließlich alle Welt mit den Erfahrungen Blumhardts, und das ausschlaggebende Urteil fällten Kreise, welche von weitem nicht berechtigt waren, in die heiligen Vorgänge göttlicher Erlebnisse eines Kämpfers um Gottes Ehre hineinzureden. Es war eben keine solche Kirche vorhanden, wie Blumhardt voraussetzte. Das Ausschlaggebende lag damals schon und liegt heute immer noch in den Kreisen, die die jeweilig geltende Wissenschaft für sich haben und ihr Recht in der bestehenden Kirche besitzen. So gab es zwar viele Leute, die durch Blumhardt nicht nur befreit von abergläubischen Vorstellungen, sondern befestigt im Glauben an Christus Wunder erlebten. Aber um diese her, die sich mehr und mehr in die Stille gedrängt sahen, machten sich Leute des Aberglaubens geltend, welche sich der Mitteilung bemächtigten, um für ihren Dämonenglauben ein Zeugnis zu haben. Selbstverständlich wurde von diesen auch noch viel hinzugedichtet, was bis heute nicht mehr ausgerottet werden konnte.



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